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Arbeiten - aber wie?

Zwischen Plage und schöpferischer Erfüllung

Entwicklungshelfer erzählen sich gerne folgende Geschichte: Eine Gruppe Einheimischer sitzt am Strand, schaut sich den Sonnenuntergang an und palavert. Ein deutscher Entwicklungshelfer, dem dies missfiel, versucht sie zur Arbeit zu motivieren und legt dar, dass sie in der Zeit, wo sie nichts tun, Fische fangen könnten. Was dann, fragen die Einheimischen. Mit dem Geld vom Verkauf der Fische könnten sie dann ein Boot kaufen und noch mehr Fische fangen. Was dann? - wiederum die Einheimischen. Mit diesem Geld könnten sie dann Leute einstellen, noch mehr Fische fangen, noch mehr Geld verdienen. Was dann? - insistieren die Einheimischen. Ja und dann seid ihr so wohlhabend, dass das Kapital für euch arbeitet und ihr den Tag genießen könnt, am Strand sitzen könnt, den Sonnenuntergang genießen könnt. Überrascht meinten die Einheimischen: Das tun wir doch jetzt schon - warum der Umweg über die Arbeit?

Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum sind eng mit der Arbeitsleistung eines Volkes verknüpft. Arbeit hat auch unserem Volk Wohlstand gebracht. Luthers Berufsethos (Max Weber) und das puritanische Arbeitsethos führten in protestantischen Gegenden zu einer hohen Produktivität und zu wirtschaftlichem Wohlstand. Im Zuge der Reformation wurden vom Kaufmannsstand diese Tugenden aufgegriffen. Heute zählen sie noch zum alten Arbeitsethos, die Tugenden wie Fleiß, Pflichterfüllung, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Umsicht und Präzision. In den 60er Jahren begann ein Umdenken, die moderne Arbeitsmoral setzt mehr auf kommunikative Tugenden. Teamarbeit, kommunikativer Arbeitsstil, Dialogfähigkeit und demokratische Partizipation sind heute besonders gefragt (Kreikebaum).

Arbeit - Lebenselexier

Unsere Gesellschaft scheint sich aufzuteilen in eine größer werdende Gruppe, die immer weniger arbeitet, und in eine kleinere Gruppe, die immer mehr arbeiten muss, ja in der Gefahr steht, sich zu Tode zu arbeiten. Manche Führungskräfte brüsten sich damit, dass sie täglich mehr als 16 Stunden arbeiten. So konnte man früher Todesanzeigen mit dem gut gemeinten Spruch lesen: „Nur Arbeit war sein Leben - nie dachte er an sich - nur für die Seinen streben - war seine höchste Pflicht!“

Unsere moderne Industriegesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Die ständische Gesellschaftsordnung, in welcher Herkunft und Stand für die soziale Anerkennung des Einzelnen von Bedeutung war, ist abgelöst worden. Heute fragt man nicht mehr, ob ein Einkommen standesgemäß ist. In der Leistungsgesellschaft spielt das Leistungsprinzip die entscheidende Rolle. Soziale Chancen und soziale Anerkennung hängen von der Leistung des Einzelnen ab. Michael S. Gorbatschow bemerkte einmal: Nur wer etwas leistet, kann sich etwas leisten!

In Teilen unserer Gesellschaft wird die Arbeit überhöht. Es kommt zur Arbeitssucht (workaholics). Wie bei jeder Sucht merkt der Süchtige nichts davon, gelegentlich prahlt man mit ihr. Wie bedeutend muss jemand sein, der so gefragt ist, der so viel arbeiten muss? Die Zwanghaftigkeit der Arbeitssucht zeigt sich in übertriebener Außenorientierung, in der Unfähigkeit sich zu entspannen. Sie beeinträchtigt oft die menschlichen Beziehungen und führt zu einer konkurrenzbetonten Lebenseinstellung. Rosa Luxemburg bemerkte einmal: Die Arbeit, die tüchtige, intensive Arbeit, die einen ganz in Anspruch nimmt mit Hirn und Nerven, ist doch der größte Genuss im Leben. Schiller hat in seinem Lied von der Glocke den Stolz auf die Arbeit treffend ausgedrückt:

Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis; ehrt den König seine Würde, ehret uns der Hände Fleiß.

Arbeit wird zum Lebenselixier und führt die Menschen in psychische Stresssituationen und setzt sie damit einer sozialen Entfremdung aus. Diese Arbeitssucht wird oft von der Umgebung entschuldigt. Man bemerkt: Es gibt schlimmere Dinge, als ständig zu arbeiten. Im geschäftlichen Bereich werden diese Menschen für die Erfolge gelobt - selten für ihr Reifen. Dabei machen wir oft Fehler, die wir leider verschweigen. Man darf sich die Leere im Leben nicht anmerken lassen. Ständig muss man behaupten „alles ist okay mit mir“, obwohl vielen Arbeitssüchtigen das Leben entgleitet. Man sollte auf die kritische Bemerkung von William Somerset Maugham hören, der sagte: Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform!

Wem Arbeit zum Lebenselexier wurde, der sucht soziale Aktivitäten für geschäftliche Kontakte. Menschliche Beziehungen sind oft beeinträchtigt. Diese Arbeitssüchtigen nehmen ihre Gefühle und die anderer nicht wahr und verarmen emotional. Echte Beziehungen mit geliebten Menschen werden flüchtig. Sie haben keine Zeit, jemanden kennen zu lernen oder sich von anderen kennen lernen zu lassen. Ja selbst die Arbeit wird nur zum Objekt, mit dessen Hilfe sie sich bestätigen, sie wird aber nicht eine Quelle ihres Glücks!

Wie anders der erste Bundesbankpräsident Wilhelm Vocke, der in seinen Memoiren schreibt: (S. 131):

„Ich habe meinen Beruf geliebt… ich habe aber nie mein Amt als die Hauptsache angesehen. Mensch-sein war mir mehr als Beamter sein. Ich habe viel und intensiv gearbeitet, aber nie zuviel. Ich habe mir einen freien Kopf erhalten und gut geschlafen. Welche Überschätzung der Arbeit findet man vor allem bei den leitenden Schichten! Viele sehen in der Arbeit Sinn und Inhalt ihres Lebens. Wird ihnen im Alter die Arbeit genommen, so brechen sie zusammen. Nein, das Wesentliche steht höher im Leben als die Arbeit. Du bist nicht die Summe deiner Arbeiten, deiner Leistungen. Wichtiger als das, was du tatest, bleibt das, was du bist, wer du bist.“

O. von Nell-Breuning meinte einmal: „Arbeit bloß um der ‚Beschäftigung’ willen wäre Arbeit um ihrer selbst willen. Zur Arbeit gehört ein Sinn oder Ziel, um dessen willen man arbeitet. Anderenfalls ist es keine Arbeit.“ Wir müssen also die Frage stellen: Was ist das Verhältnis des Christen zur Arbeit in dieser modernen Leistungsgesellschaft?

Arbeit - das Schweigen in der Kirche

Christlicher Glaube und weltliche Arbeit scheinen wenig miteinander zu tun zu haben. Selbst Christen scheinen oft in zwei verschiedenen Welten zu leben. In einer Umfrage in den USA wurde gefragt: „Haben sie jemals in ihrem Leben eine Predigt gehört, ein Buch gelesen, eine Kassette gehört, die sich mit der Anwendung biblischer Prinzipien für die Alltagsarbeit beschäftigt?“ Mehr als 90 % der Befragten haben diese Frage verneint. Millionen von Menschen gehen täglich zur Arbeit, ohne Beistand des Wortes Gottes, ohne Hilfe und desillusioniert.

Die bekannte englische Schriftstellerin Dorothee Sayers schrieb im April 1942 zum Thema „Why work?“ u. a. folgendes:

„Die Kirche hat an Realitätssinn verloren, weil sie die weltliche Arbeit nicht verstanden und respektiert hat. Arbeit und Religion sind unterschiedliche Dinge geworden. Die weltlichen Dinge sind alleine gelassen in ihren egoistischen und zerstörerischen Zielen. Der größte Teil der Intelligenz dieser Welt wurde irreligiös. Darf das überraschen? Wie kann man an einer Religion interessiert sein, die das nicht interessiert, was 90 % meiner aktiven Lebenszeit ausmacht?“

Dass Christen einen geringen Einfluss auf unsere Kultur heute haben, hat mit dem Schweigen zur Arbeit in der modernen leistungsorientierten Gesellschaft etwas zu tun. Wie haben Menschen diese erfahrene Trennung bewältigt?

Drei unterschiedliche Einstellungen in diesem Konflikt zwischen Arbeit und christlichem Glauben lassen sich ausmachen:

1) Pendlerhaltung: Viele Menschen pendeln zwischen beiden Welten hin und her. Auf der einen Seite erleben sie die Wirklichkeit der Arbeit, auf der anderen Seite, in ihrem Privatleben die von Kirche und Familie. Beide Welten haben wenig miteinander zu tun. Es scheint ein Einverständnis zu geben zwischen vielen Menschen und den Kirchen. Die Pfarrer dürfen großartige Lehren des Glaubens verkündigen, das Böse in der Gesellschaft anprangern, die Ungerechtigkeit der großen Konzerne - solange sie das biblische Wort nicht auf die alltäglichen Lebensprobleme anwenden. Hierzu möchte das Kirchenmitglied nichts hören. Als Gegenleistung unterstützen diese Menschen die Kirchen mit Steuern und Spenden. In diesem Lösungsversuch kann jeder tun, was er möchte. Die psychologischen Folgen einer solchen schizophrenen Haltung werden heute deutlich.

2) Hierarchische Lösung: Viele Christen geben der Arbeit keine sittliche Bedeutung. Bei ihnen zählt nur das Geistliche. Es scheint so, als ob Gott sich nicht für die Arbeit des Menschen interessieren würde. Als Student in den USA war ich einmal zu Gast in einem Bibelkreis, in dem ein neues Mitglied aufgenommen wurde. In seiner Vorstellung hieß es ungefähr wie folgt: „Vor meiner Umschulung in den geistlichen Dienst habe ich Versicherungen verkauft, ein sinnloses Leben geführt. Jetzt bin ich in den geistlichen Dienst getreten und erlebe ein sinnvolles Leben.“ Viele Christen halten die Arbeit für zweitrangig und denken ähnlich. Sie haben ebenfalls kaum Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

3) Irrelevanz der Religion: Die letzte Alternative wurde von den meisten gewählt. Nicht die Arbeit wurde abqualifiziert, sondern die Kirche. Die große Trennung zwischen den beiden Bereichen Glaube und Arbeit hat dazu geführt, dass die meisten Menschen mit Religion und Christentum nichts anfangen können. Eine Kirche, die zur Arbeitswelt und ihren Problemen schweigt, ist nicht mehr attraktiv. Alle diese drei Haltungen sind falsch und unbiblisch.

Arbeit in der Antike und im Mittelalter

Das griechische Leben spielte sich zwischen der polis (dem politischen Bereich der Stadt) und dem oikos (dem wirtschaftlichen Bereich) ab. Die Arbeit wird unterteilt in praxis oder auch pragma, der leitenden Staatstätigkeit oder auch wissenschaftlichen Tätigkeit, die mit der polis in Zusammenhang steht, und der poiesis, der Tätigkeit, die auf das Hervorbringen von Gütern und Dienstleistungen gerichtet ist (Baumgartner/Korff). Bürgerrechte, die Fähigkeit zum Regieren, hatten in der griechischen Demokratie nur Personen, die zu ihrem Lebensunterhalt nicht auf Arbeit (poiesis) angewiesen waren. So wird im Griechischen unterschieden zwischen energeia, der menschlichen schöpferischen Tätigkeit und dem kopos, der Mühsal und Plage, die eines freien Mannes unwürdig ist. Nützliche Beschäftigungen (energeia) sind solche, die den sie Ausübenden nicht zum Handwerker (banausos) machen. Ein Handwerker konnte in Griechenland keine öffentlichen Ämter ausüben, da er zum Lebensunterhalt auf Arbeit (kopos) angewiesen war. Platon schreibt: „Man entrinnt dem Handwerk, das den Körper verunglimpft und die Seele zerbricht und rettet sich zur Philosophie - ähnlich wie man aus einem Gefängnis zum Tempel läuft!“ (Egelkraut).

Auch die Römer unterschieden zwischen den artes liberales, den freien und edlen Künsten, und den artes sordidi, den unfreien niedrigen und verächtlichen Arbeiten, die als labor gekennzeichnet werden, woraus sich das englische Wort labour ableitet. Erfüllung findet man im aktiven Leben des Geistes, in der Hingabe an die Philosophie, in der Lebensform des freien Bürgers, seinem Handeln (praxis) und nicht in seinem Produzieren (poiesis).

Benedikt von Nursia legte für die Lebensgestaltung der Mönche verbindlich die Doppelforderung ora et labora fest (bete und arbeite). Dennoch wurden die Tätigkeiten im Mittelalter nicht gleichrangig angesehen. Man unterschied zwischen der vita activa, den säkularen Aufgaben, die der Welt zugewandt waren, und der vita contemplativa, die eine meditative Hinwendung zu Gott zum Inhalt hatte. Die vita contemplativa wurde als höherrangig angesehen im Vergleich zur vita activa. Parallelen zu den Vorstellungen des Aristoteles und der Griechen werden damit deutlich. Während die Philosophen das aktive Leben im Geiste vorzogen, sahen die Mönche in der religiösen Hinwendung an Gott das Ziel.

Mitarbeiter Gottes - die biblische Sicht

Wie anders ist dagegen die biblische Sicht zur Arbeit. Es findet keine Diskriminierung statt, es gibt keine wertvolle und weniger wertvolle Arbeit. Während in den babylonischen Mythen erzählt wird, dass die Götter Menschen erschu­fen, damit die Götter sich der Plackerei entziehen konnten, spricht das Alte Testament von dem arbeitenden Gott. Ja Jesus war selber ein Bauhandwerker, für die griechischen Philosophen ein Unding. Auch die Philosophen konnten wenig Sinn in Arbeit sehen. So dichtete Hieronymus Lorm:

„Nur Arbeit hebt sich hinweg aus trübem Weltverneinen, sie gibt der Stunde einen Zweck, hat auch das Leben keinen!“

Schon vor dem Entstehen unserer modernen Leistungsgesellschaft wurde Arbeit als das meistgebrauchte Opium der Welt bezeichnet, das von der Absurdität des Lebens ablenken soll. Das Nichtwissen um Gott und die damit entstehende Sinnleere brachte auch einen Verlust des eigentlichen Sinns der Arbeit mit sich, wobei die zunehmende Arbeitsteilung und Spezialisierung ebenfalls zur Krise der Arbeit beitrug. Arbeit kann nicht Selbstzweck sein, das Materielle reicht zur Sinnentfaltung des Lebens nicht aus.

Schon im Paradies bekam der Mensch einen Arbeitsauftrag. Existenz ohne Arbeit lässt sich kaum vorstellen. Es gibt kaum etwas Beglückenderes, als eine sinnvolle Arbeit zu tun, wozu der Mensch erschaffen wurde. Die Katastrophe des Sündenfalls führte zu einer Verfluchung der Arbeit. So wie ein Blitz fast den Menschen getroffen hätte, trifft der Fluch Gottes nun den Boden und die Früchte der Arbeit. Von nun an wird Arbeit zur schweren Schinderei. Auch heute kennen wir die Doppelbödigkeit und Ambivalenz der Arbeit.

Der Mensch arbeitet im Auftrag Gottes. Mit dem Ergebnis seiner Arbeit dient er nicht Gott, sondern die Früchte der Arbeit kommen ihm zugute. Der Mensch soll sich davon in einem umfassenden Sinn ernähren (Egelkraut 1988; Lachmann 1995).

In den ersten Blättern der Bibel ist davon die Rede, dass Gott den Menschen als seinen Mitarbeiter geschaffen hat. Er wurde in einen Garten gesetzt, den er zu pflegen hat, auch wenn er daraus heutzutage einen Dschungel gemacht hat. Gott schuf die Erde - es fehlten noch der Regen und der Mensch. Regen genügt für die Steppe; die Kulturlandschaft benötigt den Menschen (Wolff, 1977). Der Mensch soll dienend bearbeiten und hütend bewachen.

Die biblischen Schriften sind voll von der Notwendigkeit der Arbeit. Sie kennt „sich regen bringt Segen“ und weiß aber auch von der Gefährdung der Arbeit. „An Gottes Segen ist alles gelegen“. Menschliche Arbeit kann zu einem Instrument des Segens werden.

Mit Hilfe der Arbeit erfüllen wir Menschen das Liebesgebot Gottes, das Jesus in Matthäus 22, 34-40 nennt. Dieses ist nach Jesus das höchste Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben. Mit Hilfe der Arbeit dienen wir den Menschen, sind in der Lage unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen und verdienen Mittel, um anderen zu helfen. Ebenso zeigen wir durch gute Arbeit unsere Liebe zu Gott! (Röm.14,7; Eph.6,5-9; Kol. 3,23f). Die hohe Arbeitsteilung führt dazu, dass der Mensch kaum noch alles für sich selber tun kann, er ist auf Arbeitsleistungen anderer angewiesen. Damit übt er praktische Nächstenliebe aus. Irgendwo in der Welt wurde Getreide gesät, Korn gemahlen, Brot gebacken, wurden Früchte geerntet. Wir sitzen auf Stühlen, die wir nicht selbst gemacht haben, benutzen elektronische Anlagen, die andere erfunden haben. Unsere Bedürfnisse werden durch die Arbeitsleistung anderer befriedigt. Jeder Mensch in seiner säkularen Arbeit, das ist die Lehre der Reformation und der Bibel, übt damit Gottesdienst aus. Durch das Arbeiten dienen wir also den Menschen und erfüllen damit das Gebot der Nächstenliebe! Unsere Arbeitshaltung ist damit ein Prüfstein des Glaubens und ein Test unserer Liebe zu Gott. In unserer säkularen Arbeit gehorchen wir dem Willen Gottes und dienen ihm!

Der Arbeit sind Grenzen gesetzt

Die Arbeit darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Es überrascht, dass in den Zehn Geboten keines ist, das zur Arbeit auffordert. Im Gegenteil: Ein Gebot fordert die Ruhe von der Arbeit! Die biblische Lehre von der Arbeit beginnt mit einer Lehre von der Ruhe.

Arbeit und Ruhe gehören zusammen. Faulheit wird ebenso angeklagt wie Arbeitswut. Arbeit bekommt ihren Sinn nur aus der Ruhe vor dem persönlichen Gott. Nur aus der Gegenüberstellung mit seinem Schöpfer erfährt der Mensch, was er zu tun und wie er es zu tun hat. Arbeit und Ruhe sind nicht ungestraft voneinander zu trennen. Löst sich die Arbeit von ihrem Mutterboden der Ruhe, so kann das Wuchern der Arbeit den Menschen wie ein Krebsgeschwür ersticken (Egelkraut 1988, Lachmann, 1995).

Die Arbeit erhält von Anfang an im Ruhegebot eine Grenze. Der Mensch darf sich nicht an die Arbeit verlieren. Was kein Tier vermag, ist dem Menschen möglich: Er kann sich mit seiner Arbeit kaputtmachen. Daher gebietet Gott einen Streik gegen die Arbeit (Wolff, 1971). Dieses Streikgebot ist eine wahre Wohltat und wirkt wie eine gute angenehme ärztliche Verordnung: An jedem siebten Tag dürfen wir mit bestem Gewissen nichts tun. Wir dürfen faulenzen auf Befehl!

Jesus und Paulus waren Arbeiter. Paulus kritisiert die Thessalonicher, die sich der Arbeit entzogen, und schrieb ihnen: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Arbeit ist Dienstmöglichkeit an den Menschen, sie hilft zur Bestreitung des Lebensunterhalts und erlaubt uns, Menschen in Not zu helfen. Paulus fordert sogar auf, immer mehr zu arbeiten und begründet dies mit: Weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn. In lateinischer Übersetzung: Non frustra est! (1.Kor.15,58). Arbeit, die für Gott geschieht, frustriert nicht. Recht verstandenes Arbeiten ist arbeiten im Auftrag und Angesichte Gottes für den Nächsten als Dienst am Nächsten.

Die Arbeit des Christen kann jedoch keine neue heile Welt schaffen, in der Tränen, Elend, Krankheit und Not überwunden werden. Mit Arbeit lässt sich auch nicht der Himmel verdienen. Die Arbeit folgt dem Menschen nur als Frucht nach, geht nicht voraus, öffnet keine Türen! Am Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer lässt sich der Stellenwert der Arbeit ablesen. Ich hätte als Arbeitgeber den Pharisäer mit seinem hohen Arbeitsethos gegenüber dem Zöllner vorgezogen. Dass der Zöllner, der Gott nichts anderes als Sünde vorzuweisen hatte, gerechtfertigt davonging vor jenem, der nichts anderes als gute Werke vorzuweisen hatte, zeigt das biblische Denken. Mit Leistung kann man sich den Himmel nicht erwerben. Leistungsdruck und Stress sind falsch. Das Reich Gottes kann man sich nur schenken lassen! Wie sollen wir die knappe Zeit nun optimal nutzen?

Der Fünfkampf der Zeiteinteilung

Bei den Olympischen Spielen gibt es einen modernen Fünfkampf, der aus einem Geländeritt mit Hindernissen, Degenfechten, Pistolenschießen auf Ganzfigurenscheiben, 300m-Freistilschwimmen und einem 4000m-Geländelauf besteht. Jede einzelne Sportart ist gleich wichtig. Es gibt keine Hierarchie und keine Kompensationsmöglichkeiten. Wer in allen fünf Sportarten gleich gut ist, hat die beste Chance, eine Medaille zu gewinnen.

Als Menschen haben wir einen geistlichen Fünfkampf der Zeiteinteilung zu bestehen, der in folgenden Gebieten ausgetragen wird:

Unser persönliches Leben
Die Familie
Das Leben in der geistlichen Gemeinschaft
Der Bereich der Arbeit
Politisches und soziales Engagement in der Gesellschaft 

Auch hier gibt es keine Hierarchie. Alle Dinge sind für das persönliche Wohlergehen des Menschen gleich wichtig. Der Christ sollte sein Gebetsleben um diesen modernen Fünfkampf herum organisieren.

Dies würde bedeuten, dass wir festlegen, wie viel Arbeitszeit wir für die einzelnen Bereiche aufwenden. Auch die Wahl des Berufes hängt damit zusammen. Die Auswirkungen auf unsere Familien müssen beachtet werden. Der Christ muss fragen, wie er durch seine Arbeit Gott ehrt und sich nicht überarbeitet.

In einem Interview erklärte eine Führungskraft, wie hervorragend sie die Arbeit organisiert. Die Firma war für ihre schlagkräftige Organisation bekannt und als der Interviewer fragte, ob er auch den Bereich seiner Freizeit so geordnet habe, schaute ihn die Führungskraft überrascht an. Er wäre nie auf die Idee gekommen, mit der gleichen Brillanz auch seine Freizeit, sein Familienleben usw. zu organisieren.

Arbeit und Freizeit gehören mit in unsere Lebensplanung hinein. Eine vernünftige Lebensplanung wird möglich, wenn wir eine weite Sicht haben. Wo wollen wir die Ewigkeit zubringen? Der Mensch hat eine unsterbliche Seele und geht einer unendlichen Ewigkeit entgegen. Arbeit ist immer in der Gefahr, uns vom Nachdenken darüber abzulenken [1]. Zielgemäßes Denken heißt vom Ende her denken. Wer aus dieser Sicht seine Zeit einteilt, der plant effizient.

Der Prediger spricht davon, dass alles seine Zeit hat (Pred. 3). So hat pflanzen seine Zeit, heilen seine Zeit, bauen seine Zeit und auch das Lachen, Klagen und Tanzen hat seine Zeit. Herzen hat seine Zeit und lieben hat seine Zeit wie Frieden und Streit. So haben wir abzuwägen und das zur rechten Zeit Notwendige mit Gottes Hilfe zu tun.

Zur Arbeitshaltung des Christen

In der biblischen Theologie bekommen die menschlichen Werke einen anderen Stellenwert. In der Rechtfertigungslehre haben sie nur einen demonstrativen Sinn (Thielicke, 1981, S. 87). Die philosophische Ethik setzt nur Ziele. Die biblische Ethik geht von einer neuen Voraussetzung für ethisches Handeln aus, nämlich von der Voraussetzung der Rechtfertigung. Ethik ist damit nicht mehr eine Forderung, sondern ein Zeichen dafür, dass der Mensch unter neuem Management steht. Ethisches Handeln ist Demonstration neuen Lebens (Lachmann, 1995). Die meisten Menschen kümmern sich nicht um die christliche Botschaft. Den einzigen christlichen Werbespot, den sie sehen, ist die Haltung des Christen an seinem Arbeitsplatz. Durch seine Arbeit vermag er in säkularem Bereich missionarisch zu wirken. Der Christ sollte enthusiastisch, exzellent und ethisch arbeiten.

Stellen Sie sich vor, dass Sie in ein Geschäft gehen, um etwas einzukaufen. Die Verkäuferin stöhnt über ihren Arbeitsauftrag und teilt dem Kunden mit, dass sie ihre Arbeit hasst, dass sie froh ist, wenn der Kunde den Laden wieder verlässt. Eine solche Arbeitshaltung würde den Kunden dazu veranlassen, schnellstmöglich den Laden zu verlassen. Es gehört zum Arbeitsauftrag des Christen, die weltliche Arbeit enthusiastisch zu tun. Der arbeitende Christ muss deutlich machen, dass Gott ihn an diese Stelle gesetzt hat und er in seiner Position Menschen dienen und helfen will! Arbeit muss daher auch bestmöglich geschehen. Das Arbeitsethos im Calvinismus hatte dort seinen Grund. Luther hat einmal darauf hingewiesen, dass die beste Art der Nächstenliebe eines Schusters darin zu sehen ist, gute Schuhe zu machen! Der Christ tut seine Arbeit so, dass er mit der Zustimmung Gottes rechnen kann. Dies führt zu dem Wunsch, exzellente Arbeit zu tun.

Entscheidungen sind oft ethische Herausforderungen. Im Amerikanischen sagt man: „When we have to be wrong to be on the team, we are on the wrong team!“ Oftmals entschuldigen wir uns mit der Situation, die wir nicht ändern können, der wir uns anpassen müssen. Mit den Wölfen heulen ist nicht attraktiv. Wenn wir darauf warten wollen, bis die meisten Menschen integer handeln, dann müssen wir bis zum Paradies warten. Daher gehört zur Arbeitshaltung des Christen ethisches Handeln. Eine solche Haltung führt oft ins Martyrium, hat aber zur Durchschlagskraft des Christentums beigetragen.

Folgende Geschichte hat sich vor einiger Zeit in Toronto zugetragen: Ein Journalist hatte Schwierigkeiten mit seinem PKW und suchte Werkstätten auf, um sich Kostenvoranschläge machen zu lassen. Sie lagen zwischen $ 25 und $ 250. Bei der letzten Garage sagte ihm der Meister, dass nur ein Kabel lose sei. Er nahm einen Schraubenschlüssel und befestigte das Kabel und erklärte ihm, dass er jetzt wieder beruhigt fahren könne.

Der Journalist fragte nach der Reparaturrechnung. Der Mechaniker antwortete, die Sache sei in Ordnung, er habe nicht viel gemacht. Der Journalist hakte verwundert nach. Der Mechaniker erklärte ihm, dass er als Christ gute Arbeit tun wolle und seine Werkstatt nach christlichen Gesichtspunkten führe.

Der Journalist berichtete in der Zeitung über diese Werkstatt. Anschließend konnte sich die Werkstatt vor Arbeitsaufträgen nicht retten. Der Mechaniker bekam Vortragsangebote. Ein Verlag bat ihn, doch ein Buch über seine Arbeit zu schreiben. Ein Kommentator bemerkte süffisant in der Presse, dass diese „Tatpredigt“ des Kfz-Mechanikers in Toronto eine erheblich größere Wirkung zeigte als alle sonntäglichen Predigten. Dieses Beispiel soll Mut machen, Arbeit exzellent, enthusiastisch und ethisch zu tun und damit Missionsmöglichkeiten zu eröffnen. In Off. 2, 2 spricht Jesus einmal: „Ich weiß deine Werke und deine Arbeit.“ Dies ist der Grund, dass christliche Arbeit nicht verlorene Liebesmühe ist.

Gottes Arbeit für uns

Gott schuf nicht die Welt und legte seine Hand in den Schoß, wie manche Philosophen vermuten. Gott arbeitet weiter und müht sich um den Menschen. In Jes. 43,23b-25 heißt es:

„Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch, mir hast du nicht für Geld köstliches Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt - aber mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht!“

Die Bibel stellt Gott als den arbeitenden Gott vor, der sich um uns Menschen bemüht. Jesus Christus ist der Gottesarbeiter, der für diese Welt wieder die Möglichkeit schuf, mit Gott ins Reine zu kommen. Seine Tat und Auferstehung ändern unsere menschliche Situation; durch den Heiligen Geist gibt er uns Kraft auch für unsere tägliche Arbeit.

Bei der Verwaltung gibt es einen Stempel mit der Aufschrift „zuständigkeitshalber weitergesandt an……“. Dies ist der Lieblingsstempel der Beamten. Sobald ein schwieriges Problem zu lösen ist, wird die Zuständigkeitsfrage geprüft und mit Freuden gestempelt: „zuständigkeitshalber weitergesandt an die Abteilung xyz“.

So dürfen wir mit unserer Not, unserer falschen Arbeitshaltung, unserem Versagen uns an Gott wenden und diesen Stempel auf unsere Schuld drücken: Zuständigkeitshalber weitergesandt an Jesus, der für meine Schuld und Sünde bezahlt hat. Aus diesem Wissen kommt eine ganz neue Arbeitshaltung, die nicht durch Faulheit oder Arbeitssucht geprägt ist, sondern als Arbeit zur größeren Ehre Gottes beitragen kann. Als Gott Beschenkte leben wir nicht nur für die Arbeit, die Arbeit ist vielmehr Dienst für Gott und Dienst am Menschen!

So können wir mit Zinzendorff singen:

Wir wollen nach Arbeit fragen, wo welche ist, nicht an dem Amt versagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst und mit Paul Toaspern sprechen: Gib uns täglich, Herr, die Stille - und der Tag wird anders sein. Herr, Dein reiner, hoher Wille schließe unseren Willen ein. Lasst uns wartend inne halten in dem Räderwerk der Pflicht, dass Du, Höchster, kannst gestalten, was im Heute nicht zerbricht.

Literaturverzeichnis

Baumgartner, Alois und Korff, Wilhelm: Wandlungen in der Begründung und Bewertung von Arbeit, in Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftsethik, Band 1: Verhältnisbestimmung von Wirtschaft und Ethik, Gütersloh 1999 (Gütersloher Verlagshaus), S. 88-99.

Bienert, Walther: Die Arbeit nach der Lehre der Bibel, Stuttgart 1954 (Evgl. Verlagswerk).

Brakelmann, Günter: Arbeit, in: Franz Boeckle (Hrsg.): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Freiburg 1981, 2. Auflage, S. 99-135.

Conze, Werner: Arbeit, in: Otto Brunner (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart 1972, S. 154-215.

Egelkraut, Helmuth: Die Arbeit: Segen oder Fluch. Eine biblisch-theologische Einführung in: Lachmann Werner et al. (Hrsg.): Die Krise der Arbeitsgesellschaft. Chancen und Grenzen christlicher Verantwortung, Wuppertal 1984 (R. Brockhaus), S. 46-72.

Hengel, Martin: Die Arbeit im frühen Christentum in: Theologische Beiträge 17: 4 (August 1986), S. 174-212.

Kreikebaum, Hartmut: Arbeit - Zukunft der Arbeitsgesellschaft, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftsethik, Band 4: Ausgewählte Handlungsfelder, Gütersloh 1999 (Gütersloher Verlagshaus), S. 48-68.

Lachmann, Werner: Welchen Wert und welchen Sinn hat die Arbeit? In: H. Krimmer et al. (Hrsg.): Leben um zu arbeiten? Kollegiales Verhalten, Führungskraft oder Autorität, Mitarbeiter oder Sklave, Neuhausen-Stuttgart 1988, (Hänssler), S. 8-24.

Lachmann, Werner: Vom Wert und Sinn der Arbeit, in: Lachmann, Werner (Hrsg.): Die Arbeitsgesellschaft in der Krise. Konsequenzen für den Einzelnen und die Volkswirtschaft, Münster 1995 (Lit), S. 13-31.

Rad, Gerhard von: Weisheit in Israel, Neukirchen-Vluyn 1970 (Neukirchener Verlag).

Sherman, Doug und Hendriks, William: Your work matters to God, Colorado 1987 (NavPress).

Thielicke, Helmut: Theologische Ethik, Band 1: Prinzipienlehre, dogmatische, philosophische und kontroverstheologische Grundlegung, Tübingen 1981 5. Auflage (Mohr).

Vocke, Wilhelm: Memoiren, Stuttgart 1973.

Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Weber, Max. Eine Aufsatzsammlung. Die protestantische Ethik I (Johannes Winckelmann, Hrsg.) Tübingen 1979, 5. Auflage, GTB Siebenstern S3, (Mohr), S. 27-277.

Wolff, Hans-Walter: Menschliches. Vier Reden über das Herz, den Ruhetag, die Ehe und den Tod, München 1971 (Kaiser).

Wolff, Hans-Walter: Anthropologie des Alten Testaments, München 1977 3. Auflage (Kaiser).

Anmerkungen

[1] Heiner Geissler soll einmal gesagt haben: Für manche Linke ist jemand schon rechtsradikal, wenn er pünktlich zur Arbeit kommt.

[2] Dies ist eine Todesanzeige für ein Pferd. Etwas tierischer könnte man formulieren: Wer früh aufsteht wie ein Vogel, am Tage schuftet wie ein Ochse, abends müde ist wie ein Hund; der sollte zum Tierarzt gehen, denn es könnte sein, dass er ein Kamel ist!

[3] Hiergegen polemisierte Luther, der diesen Stand der Vollkommenheit der Mönche als Ideal (status perfectionis) als gegen den Willen Gottes ablehnte (Baumgartner/ Korff bzw. Wittenberger Lutherausgabe 12, 133,4 ff).

[4] Dieses Pauluswort findet sich in der Präambel der ursprünglichen sowjetischen Verfassung.

[5] Friedrich Nietzsche formulierte einmal: Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Nest sitzen und Eier brüten?

[6] Paulus schreibt in Eph. 6,7: Tut Euren Dienst mit gutem Willen als dem Herrn und nicht dem Menschen!

Werner Lachmann

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