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Ethik der Globalisierung

Ökonomische Globalisierung zwischen Verantwortung und Sachzwängen

Der Begriff „Globalisierung“ ist zum neuen Schlagwort geworden. Gewarnt wird auf der einen Seite vor den „schrecklichen Folgen“ der Globalisierung, die eine eigenständige staatliche Wirtschaftspolitik unmöglich macht. Auf der anderen Seite wird die Globalisierung gepriesen als das Heilmittel zur Überwindung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme. Man spricht deshalb einerseits von der „Globalisierungsfalle“ und den „Grenzen des Wettbewerbs“ und andererseits von „Systemwettbewerb“ und erhofft sich durch den Zwang der Globalisierung eine auf die Bürger und das langfristige Wohl der Gesellschaft hin ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Wie ist die Globalisierung und wie sind ihre Folgen ethisch zu bewerten?

Freihandel und Wohlstand

Das Phänomen der Globalisierung entstand mit der europäischen Expansion im 17. Jahrhundert. Das Wort selber wurde erst in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts genutzt und bezeichnet eine fortgeschrittene durchstrukturierte internationale ökonomische Kooperation. Global tätige Firmen verhalten sich fast so, als ob diese Welt aus einem einzigen Land bestünde.

Einen großen Fortschritt in der Globalisierung (Freihandel) konnte gegen Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts beobachtet werden. Unter dem Einfluss von Großbritannien stiegen internationaler Handel und Kapitalverkehr stark an; außerdem kam es zu einer hohen Migration, insbesondere in die USA. Diese Internationalisierung führte zu einem hohen Wohlstandsgewinn, der durch die zwei Kriege zu Beginn dieses Jahrhunderts unterbrochen wurde. Fehlende ökonomische Kooperation führte zu der großen Depression nach dem ersten Weltkrieg und den schwerwiegenden Folgen, die letztlich in den zweiten Weltkrieg mündeten. Um diese politischen Fehler zu vermeiden und Stabilität und Wohlstand zu erreichen wurde schon gegen Ende des zweiten Weltkriegs in einer Konferenz in Bretton Woods in New Hampshire / USA eine internationale Kooperation und Koordination vereinbart, die insbesondere zur Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank führten. Im handelspolitischen Bereich scheiterte die Internationale Handelsorganisation (ITO) am Widerstand der Amerikaner, so dass es nur beim vorläufigen GATT blieb.

Das Ergebnis der stärkeren ökonomischen Integration war vermehrter Wohlstand, größere politische Stabilität und rasche Ausbreitung von Bildungsmöglichkeiten und technologischem Fortschritt. Im Rahmen von Zollhandelsrunden gelang es dem GATT die Zölle zu reduzieren, was ebenfalls zu einem starken Anstieg des internationalen Handels beitrug.

Die Entwicklung der Anteile der Exporte am Volkseinkommen, gemessen in Preisen von 1990, kann aus folgender Tabelle ersehen werden: Allerdings hat sich die Struktur des Handels geändert. Während zu Beginn dieses Jahrhunderts der größte Teil des Handels in landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen lag machten diese Exporte einen immer geringeren Anteil der Weltexporte aus.

Folgen der Globalisierung

Was sind die Auswirkungen der Globalisierung? Zunehmende Globalisierung führt zu einer Angleichung von technologischem Wissen und Lebensstandard, aber auch zu einer Angleichung von Preisen und Löhnen. Internationaler Handel ist gut für die Konsumenten, bringt aber Anpassungsdruck für weniger wettbewerbsfähige Sektoren wie z.B. Landwirtschaft und Textilindustrie. Eine stärkere Globalisierung kann auch zur ökonomischen Instabilität beitragen. Hier wäre einzuwenden, dass eine Isolierung der nationalen Ökonomien wohl schwerwiegendere Folgen hat als eine Öffnung zur stärkeren Internationalisierung. Der Versuch der Nationalstaaten, sich in der Zwischenkriegsperiode vom Weltmarkt abzuschotten, führte geradewegs in die große Depression mit katastrophalen ökonomischen und politischen Folgen.

Zunehmende Globalisierung erfordert jedoch einen Rechtsrahmen, der von allen Handelspartnern eingehalten wird, nicht umsonst ist 1995 die Welthandelsorganisation gegründet worden, die neben dem alten GATT, das den Handel in Waren und Gütern regelte, nun mit dem GATS auch die Dienstleistungen regelt (General Agreement on Trade and Services) und dem Trips-Abkommen, das die Eigentumsrechte an geistigem Eigentum absichert.

Die stärkere Internationalisierung verschärft den Wettbewerb zwischen den Firmen. Auf der einen Seite führt der Wettbewerb zu einer Verbesserung der Wohlfahrt. Schumpeter spricht vom Wettbewerbsprozess als von einer „schöpferischen Zerstörung“, in dem bessere Produkte und Produktionsverfahren gute Produkte und Produktionsverfahren verdrängen. Der Wettbewerb gefährdet jedoch den Schwächeren, der aus hier nicht zu untersuchenden Gründen nicht mehr wettbewerbsfähig ist, weil er Anpassungen an die moderne Technik versäumt hat oder in einem geringeren Maße leistungsbereiter ist als andere Wettbewerber. Die durch den Wettbewerb gefährdeten Sektoren versuchen sich gegenüber dem Wettbewerber zu schützen. Da es politisch wenig erfolgreich sein wird, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit als Ursache für Schutzmaßnahmen anzuführen, unterstellt man unfaire Praktiken beim Handelspartner und fordert gleiche Wettbewerbschancen.

Auf zwei dieser Forderungen will ich hier kurz eingehen, nämlich auf die Forderung Kinderarbeit zu verbieten und solchen Ländern, die dem Verbot der Kinderarbeit nicht Folge leisten, Exporte zu verweigern, und Länder mit geringen Sozialstandards ebenfalls durch protektionistische Maßnahmen „zur Raison zu bringen“. Wie ist dieses anscheinend wohlmeinende Argument des Verbotes von Importen, die mit Kinderarbeit angefertigt wurden, ökonomisch und ethisch zu bewerten?

Verbot der Kinderarbeit und Verantwortungsethik

Zuerst muss dargestellt werden, dass Kinderarbeit etwas Unmenschliches ist. Es muss ein Ziel der Wirtschaftspolitik sein, Kinderarbeit unnötig werden zu lassen und Kindern Entfaltungsmöglichkeiten einzuräumen. Die Frage ist nur wie das möglich ist in einer Welt mit knappen Ressourcen? Auf die grausamen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts in Deutschland muss verwiesen werden als Kinderarbeit gang und gäbe war und schon vierjährige Kinder in Manufakturen arbeiten mussten. Sie hatten die gleichen langen Arbeitszeiten wie Erwachsene und waren in keiner Weise geschützt. Es war ein langer Prozeß, verbunden mit steigendem Wohlstand und besseren technischen Möglichkeiten, die es den europäischen Ländern gestatteten, langsam die Kinderarbeit abzubauen. Es ist vielleicht interessant zu erwähnen, dass insbesondere der Druck des Militärs dazu führte, dass Kinderarbeit in Preußen Mitte des letzten Jahrhunderts verboten wurde. Man hatte festgestellt, dass Kinder aus Arbeiterfamilien in den Städten nicht mehr wehrtauglich waren. Zum Schutz der Verteidigungsfähigkeit (es gab die allgemeine Wehrpflicht) wurde dann auf Druck des Militärs am 8.3.1839 das preußische Regulativ durchgesetzt, obgleich schon vorher ethisch gesonnene Fabrikanten und einige christliche Kreise versuchten, Kinderarbeit zu verbieten. Kinder unter neun Jahren wurden nun geschützt; ebenso waren Höchstarbeitszeiten vorgesehen.

Der Ökonom und Ethiker muss fragen welche Alternativen Kinder heute in der Dritten Welt haben. Die armen Kinder der Dritten Welt stehen vor folgenden Alternativen:

Verhungern
Arbeiten
Prostitution
Raub und andere kriminelle Handlungen 

Betrachtet man diese vier Möglichkeiten dann ist die beste die der Arbeit. Solange eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, ohne Kinderarbeit das Wohlergehen von Kindern und Familien zu sichern, ist die Kinderarbeit eine zweitbeste Lösung, weil die beste aus ökonomischen Gründen nicht erreicht werden kann. Kindern würde daher geholfen, wenn ihre Produkte zu günstigen Preisen nachgefragt würden. Industriestaaten sollten Entwicklungsländern helfen, eine Kinderschutzgesetzgebung aufzubauen und dafür Sorge tragen, dass zumindest halbtags ein Schulbesuch möglich ist, eine Verbindung von Kinderarbeit und Schulbildung! Das anscheinend für die Kinder wohlmeinende Verbot der Importe von Produkten, die diese Kinder herstellen, bringt sie nur in größere Not, da sie dann entweder verhungern oder in kriminelle Tätigkeiten abwandern müssen. Eine Migration in die Industriestaaten wird ja von diesen nicht gewünscht!

Kinder, deren Produkte wir nicht kaufen, werden gezwungen, in solche Bereiche abzuwandern, in denen nationale Käufer auftreten. Das Ergebnis wird sein, dass die Kinder geringere Löhne erhalten als beim möglichen internationalen Verkauf ihrer Produkte. Die Versuche von Industriestaaten durch bestimmte Produktkennzeichnung den Kindern zu helfen stellt sich als Bumerang heraus da die Kinder dadurch benachteiligt werden und man ihnen schadet. Ihnen steht noch weniger die Möglichkeit offen, sich durch ihrer Hände Arbeit Lebensunterhalt und Bildung zu verdienen. Es steht zu vermuten, dass unter dem Deckmantel der Hilfe für die Kinder Interessengruppen in Europa brutal die Ahnungslosigkeit bestimmter ethisch gesonnener Menschen ausnutzen um ihre eigenen Profite zu Lasten der Kinder in der Dritten Welt zu erhöhen!

Wenn es den Bürgern in den Industrieländern wirklich um eine Verbesserung des Loses der Kinder in der Dritten Welt gehen würde, dann wäre es notwendig dort Schulen zu bauen, Lehrer zu bezahlen und durch Schulspeisungen und Unterstützung dieser Kinder die Notwendigkeit der Kinderarbeit abzubauen. Die krasse Not zwingt diese Kinder zur Kinderarbeit! Unsere sogenannte Hilfe für diese Kinder bringt sie in noch größere Not und Verzweiflung!

Harmonisierung von Umwelt- und Sozialstandards?

In ähnlicher Weise muss auch auf die Forderung nach einer Harmonisierung von Löhnen, Sozial- und Umweltstandards argumentiert werden. Im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung und mit höherem Wohlstand werden höhere Sozial- und Umweltstandards nachgefragt. So wie wohlhabendere Eltern ihre Kinder in die Schule und nicht zur Arbeit schicken, so werden wohlhabendere Schichten der Bevölkerung bessere Umweltstandards fordern und eine größere soziale Sicherheit anstreben. Die Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards in den Industriestaaten war ebenfalls eine Folge zunehmenden wirtschaftlichen Wohlstands, das Ergebnis der Überwindung der Armut.

Entwicklungsländer haben diesen Wohlstand noch nicht erreicht. Ihre Wettbewerbsvorteile liegen darin, dass sie zu niedrigeren Löhnen und geringerer sozialer Absicherung mit den produktiveren Arbeitern der Industriestaaten konkurrieren. Ihnen diese Möglichkeiten zu rauben führt dort zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und zu einem Abblocken des Wachstums- und Entwicklungsprozesses, den Regierung und Bürger der Industriestaaten doch anscheinend wollen. Auch hier besteht die Antwort darin, Exportmöglichkeiten der Menschen in diesen Entwicklungsländern zu eröffnen statt zu untersagen. Zu beachten sind dabei die positiven ökonomischen Rückwirkungen. Können sich die Bürger dieser Staaten durch Exporte Devisen verdienen, werden sie wiederum hochwertige Produkte der Industriestaaten kaufen, um ebenfalls ihre wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Dies macht sie dann zu wichtigen und ebenbürtigen Partnern der Weltwirtschaft, die unsere Produkte nachfragen und daher bei uns Arbeitsplätze schaffen. Der Handel zwischen Industriestaaten hat die Wohlfahrt erhöht, der Kauf eines französischen Autos in Deutschland schafft Arbeitsplätze in Frankreich und erlaubt dem französischen Bürger einen deutschen Wagen zu kaufen, der dann deutsche Arbeitsplätze sichert. In gleicher Weise gilt dies für die Entwicklungsländer, die politisch und wirtschaftlich noch nicht die Stärke haben um ihre Forderungen gegenüber den Industriestaaten durchsetzen zu können.

Wenn den Industrieländern wirklich daran läge, Umweltstandards und Sozialstandards in der Dritten Welt zu verbessern, dann müssten sie sich an den Kosten beteiligen, so dass es diesen Ländern schon vor dem Erreichen eines bestimmten Einkommensniveaus möglich ist, Sozial- und Umweltstandards einzuführen, die die Industrieländer im Laufe ihrer Entwicklung eben nicht so früh einführen konnten! Auch hier steht zu vermuten, dass die Forderungen nach gleichen Sozialstandards einen versteckten Protektionismus darstellt, dass bestimmte Interessengruppen, die nur ihren eigenen Profit und Wohlstand verfolgen, mit diesen anscheinend sozialen und wohlmeinenden Argumenten das Unglück in der Dritten Welt verlängern und ihre Entwicklungsmöglichkeiten schmälern!

Probleme der Globalisierung

Erwähnt werden muss jedoch, dass zunehmende Internationalisierung und Globalisierung immer einen Anpassungsdruck erzeugt. Eine fortwährende Strukturanpassung von weniger produktiven Sektoren in wettbewerbsfähigere Sektoren mit höheren Einkommen sind die Folge. Dies erfordert eine ständige Anpassung an neue technologische Entwicklungen. Regierungen, die ihrer Bevölkerung diesen Strukturwandel nicht zumuten und mit protektionistischen Maßnahmen ihre Bürger schützen wollen, kommen in die Gefahr, dass ihre Länder wirtschaftlich zurückzufallen. Erwähnt sei nur, dass Argentinien zu Beginn dieses Jahrhunderts das zweitreichste Land der Welt war. Durch protektionistische Schutzmaßnahmen haben sie es dann geschafft, zu einem Entwicklungsland herabzusinken.

Ein weiteres Problem der Globalisierung besteht in der Migration. Die Wirtschaftstheorie hat herausgearbeitet, dass eine größere Konvergenz, d.h. eine stärkere Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen den einzelnen Staaten entweder durch eine Migration oder durch internationalen Handel erreicht werden kann.

Durch internationalen Handel kommt es zu einer besseren Versorgung der Bürger durch günstigere Produkte, gleichfalls werden aber wegen des Wettbewerbsdrucks die Preise in den Industriestaaten unter Druck geraten, und die Arbeiter einen geringeren Lohn erhalten als ohne diesen internationalen Wettbewerb. Der Export erhöht dagegen die Nachfrage und erlaubt damit höhere Preise, eine höhere Entlohnung und eine höhere Beschäftigung für den Exportbereich. Die Arbeitnehmer in der Dritten Welt geben das erworbene Einkommen zum Kauf solcher Produkte aus, die sie nicht erstellen können und die sie für die Modernisierung ihrer Wirtschaft benötigen. Die gestiegene Nachfrage erhöht also im exportierenden Land die Löhne, die Importe drücken den Lohn in solchen Sektoren, die mit den Importen im Wettbewerb stehen. Dies führt zu einer Angleichung der Löhne. Provozierend wurde das in einer Publikation kürzlich einmal so dargestellt „Are our wages determined in Bejing?“ (Werden unsere Löhne in Peking festgesetzt?). Die Industrieländer haben also die Wahl durch Freihandel zu einem Ausgleich der Lebensverhältnisse beizutragen oder sie kommen unter Migrationsdruck, den sie zwar durch Gesetze verhindern wollen, aber bekanntlich wird versucht, illegal in wohlhabende Länder einzuwandern.

Soziallehre und Migration

Hierdurch entsteht jetzt das ethische Problem, ob eine Migration ethisch befürwortet werden soll oder nicht. Interessant darf der Hinweis sein, dass die katholische Soziallehre ein Recht auf Emigration feststellt. Ein solches Recht auf Emigration hat natürlich nur dann Sinn wenn auch Immigration ermöglicht wird. Wie wird dieses Recht auf Migration begründet?

In der Enzyklika „Laborem Exercens“ (1981) heißt es unter Ziffer 107 bei der Behandlung der Wanderarbeit: „Der Mensch hat das Recht, seine Heimat aus verschiedenen Gründen zu verlassen - wie auch dorthin zurückzukehren - und in einem anderen Land bessere Lebensbedingungen zu suchen. Dies bringt zweifellos Schwierigkeiten verschiedener Art mit sich, vor allem bedeutet es meist einen Verlust für das Land, aus dem jemand auswandert. Ein Mensch verlässt die große, aus Geschichte, Tradition und Kultur zusammengewachsene Gemeinschaft, deren Mitglied er ist, um inmitten einer anderen Gemeinschaft, die durch eine andere Sprache geeint ist, ein neues Leben zu beginnen. Somit geht ein arbeitender Mensch verloren, der mit den Leistungen seines Kopfes oder seiner Hände zur Steigerung des Gemeinwohls im eigenen Lande hätte beitragen können. Nun kommen dieser Beitrag und diese Leistung einem anderen Land zugute, das in gewissem Sinne geringeren Anspruch darauf hat als sein Heimatland“. In Ziffer 109 heißt es: „Die Wanderarbeit darf in keiner Weise eine Gelegenheit zu finanzieller oder sozialer Ausbeutung werden. Hinsichtlich des Arbeitsverhältnisses müssen für die eingewanderten Arbeitnehmer die gleichen Kriterien gelten wie für jeden anderen Arbeitnehmer des betreffenden Landes. Der Wert der Arbeit muss mit dem gleichen Maßstab gemessen werden und nicht nach der verschiedenen Nationalität, Religion oder Rasse. Erst recht darf die Zwangslage, in der ein Ausgewanderter sich befindet, nicht ausgenützt werden“. In „Sollicitudo Rei Socialis“ (1987) wird dieser Gedanke in Nummer 15 noch einmal unterstrichen. Die Migranten haben ein Recht auf ökonomische Initiativen, die in ihrem Heimatland oft beschränkt sind und demzufolge hat er ein Recht, sich nach einer Umgebung umzusehen, wo seine ökonomischen Möglichkeiten nicht beschränkt werden.

Nach Auffassung der katholischen Soziallehre haben die Ansprüche der Familie ein Vorrecht vor den Ansprüchen des Staates; der Wunsch der Familie, die Lebensumstände zu bessern, darf vom Staat nicht beschränkt werden. In „Populorum Progressio“ (1967) heißt es unter Nummer 69 „die gleiche Gastfreundschaft sind wir auch den Gastarbeitern schuldig, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und mit ihrem Geld äußerst sparsam umgehen müssen, um ihre Familie zu unterhalten, die in der Heimat zurückgeblieben ist und Not leidet“.

In der katholischen Soziallehre wird das Recht auf Migration unterstrichen; es ist moralisch nicht verwerflich, obwohl materiell für das Land, aus dem der Migrant auswandert, eventuell ein ökonomischer Nachteil. In „Octogesima Adveniens“ (1971) heißt es unter Nummer 17: „Es ist ein dringendes Gebot, dass nationalistischer Engherzigkeit entspringende Verhalten ihnen (den Gastarbeitern W.L.) gegenüber abzustellen und für sie einen rechtlichen Status vorzusehen, der ihnen das Recht der Auswanderung gewährleistet, die Einbürgerung erleichtert, ihren beruflichen Aufstieg begünstigt und ihnen ausreichende Unterkunftsmöglichkeiten sichert, wodurch es ihnen ermöglicht würde, ihre Familien nachkommen zu lassen.“

Hierin gehören denn auch jene Bevölkerungsgruppen, die ihre Heimat verlassen haben, um Arbeitsgelegenheiten zu suchen oder aus Katastrophengebieten und ungesundem Klima geflohen sind und irgendwo als Heimatlose oder Vertriebene leben müssen.

Pflicht aller, besonders aber der Christen ist es, entschieden zu brüderlicher Verbundenheit der Völker mitzuwirken, ohne die es keine wahre Gerechtigkeit und keinen wahren Frieden gibt“. Unter Hinweis auf Mt. 25, 35 und 1.Jo.4,8 wird diese Pflicht der Christen belegt, denn Johannes schreibt, „wer nicht liebt, kennt Gott nicht!“ Interessant ist der Hinweis, dass die katholische Soziallehre nicht zwischen Immigranten unterscheidet, die aus ökonomischen Gründen und solchen die aus politischen Gründen auswandern. Die praktizierte Einwanderungspolitik vieler Industriestaaten steht also im Gegensatz zur Soziallehre der katholischen Kirche.

Der Fremdling in der Bibel

Die alttestamentliche Gesetzgebung bezüglich der Fremdlinge unterscheidet zwischen dem Ausländer, der nur vorübergehend in Israel weilte und dem „Schutzbürger“, der seinen ständigen Wohnsitz in einem fremden Land hat. Der Fremdling oder Schutzbürger hatte in Israel bestimmte Rechte, so durfte er von den Israeliten nicht unterdrückt werden (2.Mo.22,20; 23,9; 3Mo.19,23f). Gott fordert die Israeliten sogar auf, die Fremdlinge zu lieben (5.Mo.10,19). Ein Schutzbürger sollte sich auch am Sabbat erquicken dürfen (2.Mo.23,12). Ihm war auch die Nachlese im Weinberg und bei der Ernte vorbehalten (3.Mo.19,10; 23,22; 5.Mo.24,19-21). Auch der Fremdling durfte am Sabbat und am Versöhnungstag nicht arbeiten (2.Mo.20,10; 3.Mo.16,29), ebenso wenig durfte er den Namen Jahwes lästern und kein unreines Fleisch essen. Nach 3.Mo.24,22 steht der Fremdling auf gleicher Stufe wie der Israelit und nach Hes.47,22f hat er im messianischen Zeitalter sogar Anteil am Erbe Israels.

Christen waren „Fremde und Schutzbürger“ (Eph.2,12.19f) und leben als solche auf dieser Erde (1.Petr.2,11). Sie sind nach dem Evangelium zwar vom Bürgerrecht Israels ausgeschlossen aber gemeinsam Erben im neuen Israel Gottes.

Der Fremdling stand in Israel unter dem Schutz Gottes, weil er schutzlos war. Gott verweist auf die Fremdlingsschaft Israels in Ägypten und in Erinnerung daran hat Israel einen besonderen Schutzauftrag an Fremde. Damit kommen wir zur ökonomischen Frage, was die Auswirkungen sind, wenn Fremdlinge in einem hohen Maße einwandern, wobei die israelitische Gesetzgebung klar davon ausgeht, dass sich auch Ausländer an die einheimischen Gesetze zu halten haben! Es stellt sich die Frage, inwieweit durch zunehmende Globalisierung Arbeitsplätze gefährdet werden durch die Konkurrenz der Ausländer und durch das Abwandern von Kapital. Insbesondere wird befürchtet, dass es, soweit es die Sozialgesetzgebung betrifft, einen „race to the bottom“ gibt, eine Verschlechterung der sozialen Lage der einheimischen Arbeitnehmer.

Globalisierung und soziale Sicherheit

Theoretisch stehen ausländische Arbeitnehmer im Wettbewerb mit Inländern um knappe Arbeitsplätze. Globalisierung bedeutet internationaler Wettbewerb um Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite nehmen in Deutschland Ausländer oft solche Plätze ein, die deutsche nicht annehmen wollen. In bestimmten Berufen möchten einheimische Arbeitnehmer nicht arbeiten. Gelegentlich klagen mir Landwirte, dass sie keine Aushilfskräfte finden, die während der Erntezeit mitarbeiten. Deshalb dürfen polnische Gastarbeiter während der Ernte helfen. Obgleich hierdurch keine deutschen Arbeitsplätze gefährdet sind, gibt es entwürdigende rechtliche Regelungen, so dass es gelegentlich zu „Polenhatz“ kommt, was im Grunde genommen gegen ethische Vorstellungen, die katholische Soziallehre und auch christliche Nächstenliebe verstößt. Ebenfalls fehlen uns in Deutschland gut ausgebildete Facharbeiter, insbesondere im Bereich der Informatik. Verwiesen sei nur auf die „Green Card“-Initiative. Jene Gastarbeiter helfen deutschen Firmen, ihre Produktivität zu steigern. Zum Teil hat die deutsche Bildungspolitik hier internationale Tendenzen verschlafen und demzufolge hilft es der deutschen Wirtschaft, Ausländer einzustellen.

Es stellt sich die schwierige Frage, ob für ein Land der Inländer oder der Ausländer einen höheren Schutz haben sollte. Muss der Staat intervenieren, um die sozialen Belange seiner eigenen Bürger stärker zu schützen oder haben Fremdlinge gleiche Rechte?

Hinter diesem Gedanken steht die Angst, dass wir von Fremdlingen überschwemmt werden. Dies ist aber nicht das Ergebnis eines unumkehrbaren Prozesses sondern das Ergebnis diskriminierender Wirtschaftspolitik. Weltweit gesehen gibt es keinen Vorrang einer Nation vor einer anderen. Warum sollten US-Amerikaner, Japaner oder Europäer ein Recht darauf haben, wirtschaftlich besser stehen zu können als Chinesen, Inder oder Afrikaner? Allen müssen gleiche Möglichkeiten gegeben werden. Hiergegen haben Industriestaaten verstoßen, wobei anerkannt werden muss, dass die nationale Wirtschaftspolitik, das Arbeitsethos und eine funktionsfähige Bürokratie einen erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes haben. Die Sowjetunion, viele afrikanische Staaten und auch einige Länder Lateinamerikas haben sich durch ihre Wirtschaftspolitik in die schwierige wirtschaftliche Lage manövriert, wie auch die inflexible Wirtschaftspolitik der Europäer Gefährdungen der Wohlfahrt der europäischen Länder mit sich bringt.

Auf der anderen Seite, vielleicht als Ergebnis des früheren Kolonismus, haben sich Strukturen entwickelt, die die Industrieländer begünstigten. Macht ging auch in diesem Fall vor Recht! Zu Lasten der Weltgemeinschaft haben sich die Industriestaaten teilweise bereichert. Daher müssen gleiche Bedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung hergestellt werden, d.h. eine größere Liberalisierung im Außenhandel, ein Abbau der Protektion, ein Öffnen deutscher Märkte gegenüber den Produkten aus der Dritten Welt. Verwiesen sei noch einmal darauf, dass dies die Wettbewerbssituation für bestimmte Bereiche der Bevölkerung erhöht, gleichzeitig aber neue Möglichkeiten schafft, da mit dem erworbenen Einkommen die Ausländer Devisen erwirtschaften, die sie wiederum zum Kauf von höherwertigen Gütern aus Industriestaaten verwenden. Wirtschaftlicher Wohlstand entsteht durch Arbeitsteilung; internationaler Handel und Globalisierung sind keine Einbahnstraßen, kein Nullsummenspiele. Stattdessen helfen sie beiden Tauschpartnern zu einer höheren ökonomischen Wohlfahrt, soweit internationale Regeln eines fairen Wettbewerbs eingehalten werden, d.h. eine Nichtdiskriminierung international durchgesetzt wird, wie es die Welthandelsorganisation (WTO) in Genf anstrebt.

Nationale Eigensüchteleien erschweren die wirtschaftliche Entwicklung in den benachteiligten Ländern, da auf Druck der Interessengruppen und Lobbyisten die Politiker der Industriestaaten die zum Teil unwirtschaftlichen Arbeitsplätze im eigenen Land mit protektionistischen Maßnahmen schützen und die Schuld für ökonomische Probleme nicht der verfehlten Wirtschaftspolitik des eigenen Landes sondern der Globalisierung ankreiden.

Arbeitskräfte sind nicht so mobil wie Kapital. Allein kulturelle und sprachliche Voraussetzungen sind nicht derart, dass jeder in jedes Land wandern kann. Von daher sind der Migration stärkere Grenzen gesetzt. Eine gewisse Ungleichheit wird in Kauf genommen, wenn Menschen Entwicklungsmöglichkeiten sehen. Dies ist in vielen Ländern heutzutage nicht der Fall. Statt über Handel die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, werden sie über verfehlte Entwicklungshilfe korrumpiert, werden unproduktive Eliten durch die Politik der Industriestaaten unterstützt, so dass manche Menschen nur über Auswanderung eine Möglichkeit sehen, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Die Entwicklungshilfe sollte besser eingestellt und als Anpassungshilfen für die Bevölkerungsschichten verwendet werden, die unter dem stärkeren Importdruck leiden. Entwicklungsländer sollten über Handel sich ihre Ressourcen verdienen statt sie sich über Entwicklungshilfe erbetteln zu müssen und damit der Korruption anheimfallen.

Race to the Bottom?

Kapital ist mobil. Es wird befürchtet, dass Kapital in solche Länder geht, die geringe Umweltschutz- und Sozialstandards haben, weil dann anscheinend der „shareholder value“ maximiert werden kann. Das Kapital ist auf der ständigen Suche nach Profiten und wird demzufolge auch motivationsethisch angeklagt. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass Kapital Rechtssicherheit benötigt, dass Firmen ihre Investitionen nicht dort vornehmen, wo wirtschaftspolitische Unsicherheiten und Armut herrscht.

Die stärkere Globalisierung ermöglicht den Bürgern größere Freiheiten, da es hier zu einem Wettbewerb der besseren Wirtschaftspolitik, zu einem Systemwettbewerb kommt. Die Bürger dieser Erde suchen sich jene Länder aus, die ihnen das beste Kosten-Nutzenverhältnis der zu zahlenden Steuern und Regulierungen aufzeigen.

Vor dem neuen Schub der Globalisierung war der Staat der letzte Monopolist, demgegenüber die Bevölkerung kaum Schutzmöglichkeiten hatte. Selbst das demokratische System gab den Bürgern wenige Möglichkeiten gegen eine korrupte Politikerklasse vorzugehen. Die Bürger haben im politischen Raum wenig Mitwirkungsmöglichkeiten, da in einem hohen Maße die Parteien die Politik eines Landes bestimmen und die Bürger kaum Alternativen haben. Die Enttäuschung gegenüber der politischen Klasse ist an der geringen Wahlbeteiligung absehbar. Die politische Ethik, wie viele Affairen zeigen, lässt zu wünschen übrig. Zunehmende Globalisierung deckt schlechte Politik auf. Flexible Staaten mit einer leistungsfähigen und anpassungsfähigen Bevölkerung werden gegenüber solchen Staaten, die ihre Bürger zu stark bevormunden und ihnen wenig ökonomische Einflussmöglichkeiten geben, bevorzugt sein. Die hohe steuerliche Belastung vieler Industriestaaten führt dazu, dass die Länder, die ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis ihren Bürgern geben, von der aktiven Bevölkerung bevorzugt werden. Hierdurch werden dem Nationalstaat, dem letzten Monopolisten, Grenzen gesetzt, was die Freiheit der Bürger erhöht. Von daher ist die zunehmende Globalisierung ethisch positiv zu bewerten. Wie jedoch alles seit dem Sündenfall ambivalent ist, sind auch die Auswirkungen der Globalisierung in gewisser Weise ambivalent. Sie fördern den Menschen mit hohem Arbeitsethos und hoher Flexibilität, sie verschlechtern die Situation des weniger Leistungswilligen.

Die Argumentation, dass die Mobilität des Kapital zu einem „race to the bottom“ führe, hat sich bisher empirisch nicht bestätigen lassen, so dass die Furcht vor diesen Auswirkungen der Globalisierung unbegründet erscheint. Statt über die partiell negativen Auswirkungen verstärktem Wettbewerbs der Globalisierung zu klagen, sollten Bürger, Medien und die Politik die Chancen der Globalisierung ergreifen und sich mit einer flexibleren Politik, durch Strukturreformen usw. für den härteren Wettbewerb vorbereiten, der eine nationale Belohnung ermöglicht. „Ohne Schweiß keine Preis“, sagt schon das Sprichwort. Dies gilt insbesondere bei Intensivierung des Wettbewerbs durch zunehmende Globalisierung. Der Preis für erfolgreiche Anpassungen ist hoch. Insbesondere weil die Industriestaaten einen hohen Vorsprung haben, werden sie eher in der Lage sein ihre benachteiligten Bürger zu unterstützen und zu kompensieren und durch die stärkere Globalisierung die Wohlfahrt ihrer Nationen zu erhöhen. Globalisierung birgt auch für uns eine hohe Chance.

Ausgewählte Links im WWW:

http://www.wto.org

Homepage der Welthandelsorganisation WTO. Hält unter anderem die aktuelle Studie der Welthandelsorganisation zum Thema „Trade and Environment“ zum Download bereit.

http://www.bmz.de

Homepage des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. In der „Infothek“ ist die Homepage mit einer Reihe von anderen Organisationen verlinkt, die an entwicklungspolitischen Themen arbeiten.

http://www.oneworldweb.de

Versteht sich als „deutschsprachiger Treffpunkt für Umwelt, Entwicklung, Menschenrechte, Frieden und Soziales“. Verlinkung unter anderem mit terre des hommes Deutschland. Dort sind u.a. Studien zum Thema Kinderarbeit veröffentlicht. (www.oneworldweb.de/tdh/)

http://www.attac.org

„Association for the taxation of financial Transactions for the aid of citizens“. Netzwerk von Bürgern, Vereinigungen, Gewerkschaften und Medien mit dem Ziel, mit Hilfe von Spekulationssteuern die Globalisierung der Finanzmärkte zu reduzieren.

http://www.iw-koeln.de

Homepage des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Online-Archiv des Informationsdienstes iwd, in dem Studien zur Globalisierung, internationalem Handel, internationaler Einkommensentwicklung usw. veröffentlicht sind.

http://www.deichmann.de/seiten/sub_index5.htm

Beispiel für konkrete Maßnahmen eines deutschen Unternehmens auf der Zuliefererseite in Dritte-Welt-Ländern höhere Standards zu unterstützen.

Werner Lachmann

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Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik

Society for the promotion of economics and ethics