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Ethikkrise der Führungskräfte?

Wettbewerb, Transparenz und Werte nötig

Korruption in den Führungsetagen großer Unternehmen und staatlicher Organisationen ist keine Seltenheit. Seit der frühen Menschheitsgeschichte sind Korruptionsfälle bekannt. Im Codex Hammurabi gibt es schon Strafbestimmungen in diesem Sinne. Überlieferungen aus der ägyptischen Pharaonenzeit oder Äußerungen von Konfuzius lassen schon früh auf eine weite Verbreitung korrupten Verhaltens schließen. Steigender Wohlstand führte in den griechischen Stadtstaaten wie im alten Rom zu ihrer Verbreitung. Im Mittelalter waren Verwaltungen ebenso korrupt wie später die Kolonialverwaltungen, die überführt wurden in die stets beklagten korrupten Regime der meisten Entwicklungsländer. Geld hat eine hohe Überzeugungskraft und ein „sozialistischer Händedruck“ konnte ebenfalls die rasche Bearbeitung eines Antrages erreichen. Selbst Religionsgemeinschaften sind gegen normenwidriges Verhalten ihrer Eliten nicht gefeit.

Kritiker betonen den enormen Sittenverfall, der durch gigantische Bilanzfälschungen sowie unberechtigte Steigerungen von Vorstandsbezügen zu einem Korruptionsrekord in den USA und zu einem Vertrauensverlust der führenden Manager beigetragen hat. Der Geldgier scheint freier Raum gelassen worden zu sein. Die Moral der Führungskräfte scheint einen historischen Tiefstand erreicht zu haben. Die Wirtschaftsprüfer sind davon wohl nicht ausgeschlossen.

Der Telekomriese WorldCom hat nach Medienberichten 3,8 Mrd. US-$ falsch verbucht. Die Bilanzierungsskandale von WorldCom, Enron, Xerox usw. haben zu einer extremen Vertrauenskrise in den USA beigetragen. Allein im Jahre 2002 sollen an den Börsen 1.500 Mrd. US-$ vernichtet worden sein. Man hört Berichte von US-Bürgern, die ihre Ersparnisse für das Alter den Kapitalmärkten anvertrauten und fast ihr gesamtes Vermögen verloren haben.

In Erinnerung ist noch der Werbegag, dass eine Telekom-Aktie so sicher sei wie ein Sparbuch. Raffgierige Kapitalisten haben die kleinen Anleger geschädigt, während man sich in den Führungsetagen, teilweise durch Insider-Handel, Millionenbeträge zuschanzte. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben diese gigantischen Fehlbuchungen nicht verhindern können. Die Bürger sind unsicherer geworden; die konjunkturellen Auswirkungen betreffen aber nicht nur die Finanzmärkte, inzwischen schlägt sich die Krise auch am Arbeitsmarkt nieder.

Geld ist bekanntlich scheu wie ein Reh und Kapitalmärkte benötigen ein hohes Maß ethischer Integrität der Beteiligten. Das Vertrauen in die Führungskräfte hat aber in den letzten zwölf Monaten dramatisch abgenommen. Die moralische Entrüstung ist hoch. Wie ist dieser zunehmende Sittenverfall der Führungskräfte zu erklären und zu bewerten?

Zu den Grundproblemen jeder Ethik – und damit auch der Wirtschaftsethik – gehört der Spannungszustand zwischen der ethischen Integrität der beteiligten Akteure (Gesinnungs- bzw. Motivationsethik) und dem vorgegebenen Ordnungsrahmen (nach Max Weber als Verantwortungsethik bezeichnet). Gesellschaftliche Probleme lassen sich leider nicht nur durch eine verbesserte Moral und ethische Appelle lösen, auch nicht durch eine alleinige Verbesserung des Ordnungsrahmens (mehr Wettbewerb, mehr Markt, bessere Überwachung). Jedoch lassen sich moralische Missstände in einem hohen Maße über Reformen bekämpfen. Nötig sind Reformen der Finanzmärkte, der Finanzmärkte-Überwachung usw. aber auch die Gesinnungsethik ist in einem hohen Maße gefordert.

  1. Gesinnungsethische Aspekte

Die häufig beklagte Sinnkrise des Einzelnen und seine geringe transzendentale Verankerung führt zu einem wirtschaftlichen Handeln, das in zunehmendem Maße immer weniger durch innere Überzeugungen geprägt wird. Kurzfristiges Denken, Nutzenmaximierung, kurzfristige Vorteile, „nach mir die Sintflut“, das scheint im Kalkül der Akteure im Vordergrund zu stehen.

Ein bayerischer Radiosender bringt tagsüber in 15minütigem Rhythmus Finanzmarktnachrichten. Der Bevölkerung scheint hierdurch vorgegaukelt zu werden, wie wichtig Finanzmärkte sind und wie leicht schnelles Geld zu machen sei. Des öfteren werden gerade die deutschen Bürger kritisiert, weil sie in ihren Geldanlagen konservativer sind als amerikanische. Viele Bürger haben ihr Vermögen weniger zinslich attraktiv in Sparguthaben angelegt und stellen zu wenig Risikokapital für die Börsen bereit. Es scheint eine Manipulation in den Medien vonstatten zu gehen, welche die Bürger auf einen Gang zur Börse, auf das Einsetzen ihrer Ersparnisse in ertragsreichere Titel (alles unter dem Decknamen der Effizienz und besserer Nutzung knapper Ressourcen und Erhöhung der ökonomischen Produktivität einer Gesellschaft) überreden soll. Die Gier nach schnellem Reichtum, die den meisten Menschen eigen ist, tut ihr Übriges. Und so haben viele Menschen sich den Kapitalmärkten anvertraut.

Firmen folgten in verstärktem Maße der Philosophie der Shareholder-Value-Maximierung. Die Finanzmärkte wurden zur neuen Gewerbepolizei, zur Richterin über Unternehmensstrategien. Somit standen auch die Manager unter Erfolgsdruck. Anreizökonomisch richtig wurden sie am „Gewinn“ durch Shareholder-Value-Maximierung beteiligt und so entstand zwangsläufig die Versuchung zu Finanzmanipulationen.

In der Theorie dienen die Finanzmärkte der optimalen Nutzung knapper Investitionsmittel. Wie schon angedeutet, ist hierfür ein hohes Vertrauen notwendig, da ihnen die „sauer erworbenen Ersparnisse“ der Bevölkerung anvertraut werden. Der Verdacht, dass im großen Stil in den letzten Jahren an den Finanzmärkten manipuliert wurde, ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Es scheint als hätten sich die Manager als Informierte zu Lasten der weniger Informierten bereichern können, da Finanzmärkte insbesondere durch geringe Transaktionskosten und asymmetrisch verteilte Informationen gekennzeichnet sind, die damit Insidern wirtschaftliche Vorteile ermöglichen.

Nicht umsonst ist daher Insiderhandel als ungerecht, unfair und sittenwidrig bezeichnet worden. Schon der amerikanische Präsident Roosevelt, unter dessen Regierung der Insiderhandel in Amerika eingeschränkt wurde, wies auf die unethische Haltung in diesem Bereich hin und verlangte für Finanzmärkte einen hohen Grad an ethischem Verhalten.

Die Korruption von Führungskräften kann mit dem ökonomischen Modell des „Prinzipal-Agenten“ (principal agent) analysiert werden. Das Principal-Agent-Problem zeigt die Kollision der Interessen des einzelnen Funktionsträgers mit dem übergeordneten Interesse des Auftraggebers. So ist beispielsweise der Wähler der Auftraggeber (Prinzipal) und der Politiker der für den Wähler handelnde Agent. In einer Firma handelt das Management im Auftrag der Eigentümer. Das sich hiermit ergebende Problem entsteht bei der Festlegung der Vertragsregeln. Dem Auftraggeber ist es meist nicht möglich, den Agenten zu überwachen. Der Agent hat also einen bestimmten Freiheitsspielraum. Die Regeln müssen nun so gesetzt werden, dass das Interesse des Agenten dahin gelenkt wird, im Sinne des Prinzipals zu handeln. Daher werden Anreize notwendig. Solche Anreize bestehen dann in bestimmten Aktienoptionen, Tantiemen, Gewinnbeteiligung usw. Hiermit möchte man erreichen, dass das Interesse des Auftraggebers auch vom Agenten beachtet wird. Vollständig abgesicherte Verträge sind jedoch nicht möglich. Und aus diesem Grunde ist Vertrauen notwendig. Hat der Prinzipal einen vertrauenswürdigen Agenten, dann kann er sich darauf verlassen, dass der auch in seinem Sinn bestmöglich handelt und den Prinzipal nicht hintergeht.

Der Sittenverfall der Führungskräfte in großen Kapitalgesellschaften deutet demzufolge zweierlei an: Die individuelle Moral, das Vertrauen, die Zuverlässigkeit, hat nachgelassen. Auf der anderen Seite besteht der Verdacht, dass die Rahmenbedingungen nicht optimal gestaltet waren. Es muss daher hier noch einmal betont werden, dass die moralischen Missstände der Führungsetagen in Wirtschaft und Politik sich kaum über moralische Appelle überwinden lassen, sondern nur durch institutionelle Reformen. So muss die Kapitalmarktüberwachung verbessert werden, ebenso müssen die Rahmenbedingungen für die Politik verbessert werden, so dass dort ebenfalls kein Missbrauch getrieben werden kann. Das Problem, das sich ergibt, ist, dass die Rahmenbedingungen von den Personen geändert werden müssen, die durch unklare Rahmenbedingungen gerade einen weiten Spielraum haben und in keiner Weise ein Interesse haben, diese im Sinne des Prinzipals zu verkleinern.

Korruption ist normwidriges Verhalten eines Funktionsträgers in Wirtschaft oder Politik. Annahme von Geschenken in Amtsachen ist gesetzlich untersagt und verstößt gegen rechtliche Vorschriften. Wenn ein Bauherr mit Hilfe eines kleinen Betrages rascher zu seiner Baugenehmigung kommt, ist dies in seinem Interesse, aber auch im Interesse des Beamten, der dadurch jedoch eine Normwidrigkeit begeht und deshalb beamtenrechtlich belangt werden kann. Nicht immer sind diese Normen klar festgelegt. Inwieweit darf sich ein Politiker für seine Interessengruppe, die ihn finanziell unterstützt, einsetzen? Wie weit darf ein Geschäftsmann seinen Spielraum ausnutzen? Oft sind die gesetzlichen Regelungen nicht ausreichend. Es gibt auch Korruption ohne eine Verletzung der Rechtsordnung.

Der Korruptionsrekord in den USA ist demzufolge ein Anzeichen des Fehlens von Moral, Kontrolle und Wettbewerb. Damit kommen wir zu den Rahmenbedingungen der Korruption.

Unternehmen müssen sich entscheiden, ob sie ihr Geld dem Kapitalmarkt anvertrauen oder reale Investitionen tätigen. Dabei wird beispielsweise von Keynes unterstellt, dass die Unternehmensentscheidungen durch kurzfristige Erwartungen bestimmt werden. Die wirklich erzielten Ergebnisse stellen sich erst im nachhinein ein und verursachen dann eine Änderung der neuen Erwartungen. Der Unternehmer verhält sich also spekulativ. Eine gut funktionierende Wirtschaft braucht Spekulanten, denen man vertrauen kann. Das Vertrauen ist also die wichtigste Investitionskomponente.

Keynes war Börsenspekulant und hat in seine Theorie seine eigenen Erfahrungen einfließen lassen. So begründet er seine Konjunkturtheorie auf die Spielernatur der Unternehmer. Es geht in der Wirtschaft nur noch darum, schneller zu sein als die Konkurrenz (to beat the gun). Spielernaturen kämpfen um kurzfristige Vorteile, man ist immer auf der Jagd nach einem Schnäppchen. Es wird in der Wirtschaft ein Schwarze-Peter-Spiel getrieben, derjenige ist Sieger, der rechtzeitig schnappt und bei dem der schwarze Peter nicht hängen bleibt. Wenn die Musik aufhört, möchte niemand ohne Stuhl sein, obwohl es nicht für alle einen gibt („Reise nach Jerusalem“). Ein Anleger ist stets auf der Suche nach kurzfristigen gewinnträchtigen Anlagen. Wer als erster eine solche entdeckt, erhält den höchsten Gewinn; Dann erfolgt ein Herdenverhalten und „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (Michael Gorbatschow).

Vermuten Investoren, dass eine Anlage unsicher wird, rettet sich der, der zuerst aussteigt. Alle folgen im Herdentrieb nach und dieses Verhalten provoziert das erwartete Ergebnis. Wenn alle Marktteilnehmer vermuten, dass der EURO an Wert zunimmt, werden EURO nachgefragt und demzufolge steigt der Wert des EURO. Vermutet man, dass der Wert des EURO sinkt, wird man EURO abstoßen und die Erwartung trifft ein: der EURO wird schwach. Dieses spekulative Verhalten auf Finanzmärkten, bei Investitions- und Strategieentscheidungen der Großunternehmen beeinflusst die Konjunktur. Da die Spekulation unbeständig ist, wird auch die wirtschaftliche Entwicklung unbeständig sein. Es gehört mehr Intelligenz dazu, langfristig erfolgreich zu investieren, als kurzfristige Schnäppchen zu machen. Jedoch haben die kurzfristigen wirtschaftlichen Entscheidungen langfristige Wirkungen, wobei erfolgreiche Spekulation langfristig ausgleichend wirkt.

Man könnte also mit Keynes die Eliten kritisieren, da sie nicht verantwortungsbewusst mit ihrem Reichtum umgehen.

  1. Verantwortungsethische Aspekte

Korruption findet man in Prinzipal-Agenten-Situationen. Wie angedeutet steht das Eigeninteresse des Agenten im Widerspruch zum Interesse des Auftraggebers. Typischerweise findet man diese Situation im politischen Bereich und bei Großunternehmen. Der Politiker verfügt über Mittel, die der Bevölkerung gehören und hat damit Verfügungsmacht und Einfluss. Die Vorteile kann er einstreichen, die Kosten haben die Bürger zu tragen. Die Wirtschaftspolitik aller Staaten leidet darunter, dass der einzelne Politiker nur in einem eingeschränkten Maße haftbar gemacht werden kann für seine politischen Entscheidungen. Mit Ausnahme der Abwahl gibt es kaum Anreize für das politische System, effizient zu wirken. Zumindest das politische System als ein Ganzes kann vom Wähler nicht bestraft werden. Es fehlen für das politische System als Ganzes positive Anreize. Reformvorschläge wären dabei durchaus denkbar: Beispielsweise könnte man die Diäten der Abgeordneten abhängig machen von der Quote der Arbeitslosigkeit. Bei hoher Arbeitslosigkeit gibt es eine Diätenkürzung, dann hätten Politiker ein Interesse daran, Arbeitslosigkeit langfristig zu bekämpfen. Der Zentralbankpräsident der Bank von Neuseeland ist persönlich für die Inflationsrate haftbar gemacht worden. Dies führte dazu, dass er in relativ kurzer Zeit das Inflationsproblem Neuseelands lösen konnte.

Im Gegensatz zu den großen Konzernen unterliegt der Mittelstand kaum dem Prinzipal-Agenten-Problem. Der Mittelständler ist im Allgemeinen auch Eigentümer seines Unternehmens, ist damit Prinzipal und Agent zugleich. Daher gibt es im Mittelstand in einem viel geringerem Maße Korruption.

Wie angedeutet kann ethisches Missverhalten durch Überwachung und bessere Regeln eingedämmt werden. In den USA und in Deutschland hat die Wettbewerbspolitik versagt. Sie ist in gewisser Weise zahnlos. Es gibt eine ständig zunehmende Vermachtung in der Wirtschaft. Megafusionen erlauben wenigen Entscheidungsträgern viel Entscheidungsspielraum und die einzelnen Aktionäre sind nicht mehr in der Lage, diese Agenten zu überwachen. Sie können wirtschaftspolitisch auf die Regierung durch ihre schiere Macht Einfluss nehmen und ihre Beziehungen zum politischen System derart nutzen, dass sie Steuermittel erhalten, wofür sie dann die einzelnen Parteien unterstützen. Demzufolge wird es kaum von politischer Seite zu einer ernsthaften Bekämpfung von Großunternehmen im Rahmen der Wettbewerbspolitik kommen. Das entscheidende Problem liegt hier in der Tat darin, wer die Kompetenz für verbesserte Rahmenbedingungen hat. Gerade in den USA hat die Börsenaufsicht in einem hohen Maße versagt. In den USA werden neue Bilanzregeln diskutiert. Die amerikanischen Bilanzrichtlinien (US-GAAP) sollen nach der Pleite des texanischen Energiekonzerns Enron aufgegeben werden und man möchte mehr die in Europa entwickelten internationalen Bilanzierungsregeln (IAS) übernehmen. Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson hat bei der Prüfung der Bilanzen große Fehler gemacht. Allerdings setzt die wichtigste US-Behörde, die Securities and Exchange Commission (SEC) auf die Selbstreinigungskräfte der Wirtschaft und versucht die staatliche Einflussnahme zurückzufahren. Die Wertpapiergesetze der USA haben stumpfe Zähne, weil ihre Einhaltung kaum überwacht wird. Die Reformgegner haben in den USA noch die Nase vorne; man möchte der Branche nicht wehtun. Es fehlt also in den USA ein großer Wurf zu einem umfassenden Reformansatz, um staatlicherseits Fehlverhalten der Führungsetagen in den Betrieben einzuschränken. Das Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft wird dadurch deutlich.

Wenn man der politischen Elite und den Führungskräften der Wirtschaft das Problem der Reformen anvertraut, dann macht man den Bock zum Gärtner. Es bestehen hohe Anreize, Reformen halbherzig durchzuführen. Auch aus den Skandalen in Deutschland folgt oft nur Rhetorik; die Realität ist leider so, dass Reformen nur halbherzig begonnen werden. Ist der öffentlich moralische Aufschrei verklungen, hat sich das Interesse der Medien auf andere Gegenstände gerichtet, dann werden die entscheidenden Reformen eben nicht durchgeführt. Der Politiker möchte weiterhin für Interessengruppen arbeiten. Er möchte sich nicht in die Karten schauen lassen, es soll den gläsernen Abgeordneten nicht geben, man möchte keine Transparenz usw. Dies gilt natürlich auch für die Führungskräfte in der Wirtschaft.

Es war der neoliberale Ökonom Hayek, der auf dieses Dilemma der Kompetenzregelung hinwies. Der Betroffene wird sich nicht selber zu seinem Nachteil regulieren. Er wird seinen Freiheitsspielraum ausnutzen. Demzufolge schlug Hayek eine zweite politische Kammer vor, welche die Regel festsetzt. Eine unabhängige Kommission oder zweite Kammer (unabhängig von den politischen Parteien) müsste beispielsweise die Diätenregelung der Bundestagsabgeordneten festlegen, Regeln für die Transparenz erlassen, die Verquickung des Abgeordnetenmandats mit Funktionen in der Wirtschaft usw. regeln. Die Tagespolitik wird dann von den Politikern mit Hilfe von politischen Parteien durchgeführt. Dies würde eine Entzerrung des Ethik-Dilemmas bedeuten. Der Abgeordnete kann nicht mehr in eigenen Sachen entscheiden. Wenn ein Bürger sich sein Gehalt selbst festlegen könnte, würde er auch ein hohes Gehalt wählen. Leider bestimmt sich das Gehalt aus Verhandlungen zweier sich gegenüberstehenden Parteien im Rahmen der Tarifautonomie. Bei manchen Vorstandsgehältern und der Diätenfestlegungen legt der Betroffene selber sein Gehalt fest und demzufolge fehlt eine Gegenmacht.

Die wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Probleme, die durch die Skandale in der Wirtschaft und Politik hervorgerufen werden, lassen sich nicht durch Moral in der Politik lösen. Das Eigeninteresse ist meist stärker als die moralische Integrität. Regeln müssen so geändert werden, dass der Betreffende eben nicht zu seinem eigenen Vorteil die Rahmenbedingungen festlegen kann. Wer beschränkt schon freiwillig seine Handlungsmöglichkeiten?

Transparenz und Wettbewerb sind notwendig, um zu einem besseren moralischen Verhalten zu führen.

Aus einem Beispiel des Umweltschutzes möchte ich die Rolle der Rahmenbedingungen für die Moral kurz erläutern: Umweltverschmutzung kann moralisch angeklagt werden und die Akteure können durch ethische Appelle aufgefordert werden, sich ökologiegerecht zu verhalten. Die Auswirkungen werden gering sein. Die wirtschaftspolitische Analyse hat die Einführung von Eigentumsrechten vorgeschlagen und die Nutzung der Umwelt vom Kauf von Zertifikaten abhängig machen wollen. Hierdurch wird über Marktgesetzlichkeiten der einzelne Unternehmer wirtschaftlich gezwungen, sich ökologiegerecht zu verhalten. Es bedarf dann nicht mehr der moralischen Appelle, sondern die ökonomische Vernunft führt bei richtigen Rahmenbedingungen zu einer langfristigen Nutzung der Ressourcen im Sinne von sustainable Development.

  1. Theologische Aspekte

Die Rahmenbedingungen werden in der Politik oft von Interessengruppen moralisch vorgetragen und leider geht man bei gesetzlichen Regelungen oft vom guten Menschen aus. Man erwartet eine hohe Moral von den Politikern und eine ethische Selbstbindung; Firmen geben sich ethische Kodices, usw. Die biblischen Quellen gehen von einem gefallenen Menschen aus. Der Mensch ist leider nicht immer gut. Er ist in seinem Handeln auch nicht stets böse, er kann auch Gutes tun! Aber in Konfliktsituationen mag Eigennutz die entscheidende Rolle übernehmen. Menschen sind immer wieder bereit, unklare Rahmenbedingungen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Daher haben sie auch ein Interesse, die Normen nicht exakt festzulegen, um einen Handlungsspielraum zu haben, den sie zu ihrem Nutzen ausüben können.

Man geht in der Sozialpolitik vom guten Arbeitslosen oder Kranken aus, der das System nicht ausnutzt. Es wird zu wenig darauf geachtet, die Regeln so festzulegen, dass Missbrauch stärker ausgeschlossen wird. Karenztage wären beispielsweise eine Möglichkeit, leichte Krankmeldungen und ein Ausnutzen des Arbeitgebers zu verringern (selbstverständlich mit leichten Verlusten auch des evtl. kranken Arbeitnehmers). Man unterstellt aber den ehrlichen Arbeitnehmer, der wirklich krank ist, und demzufolge kam es zu einem hohen Missbrauch. Es kommt zu einem ethischen Aufschrei, wenn der Missbrauch durch verschärfte Regelungen, wie z. B. von einem Karenztag, eingeschränkt werden soll. Man geht vom guten Abgeordneten aus, der unabhängig vom Einfluss der Interessengruppen zum Wohl der Gesellschaft entscheidet. Man müsste bei den Rahmenbedingungen stets vom gefallenen Menschen ausgehen. Der Gesetzgeber müsste bei bestimmten gesetzlichen Steuervorschriften die Steuerberater fragen, wie sie denn diese Regelungen zu umgehen gedenken, um Gesetze dingfest zu machen. Leider ist es heute so, dass die im Parlament verabschiedeten Gesetze häufig widerspruchsvoll, nicht durchdacht und wenig klar formuliert sind, so dass oft Richter politische Entscheidungen treffen müssen und die Gesetzesauslegung über Gerichte klargelegt werden muss.

Der Kampf gegen Korruption ist nur durch stete Kontrolle und Überprüfung erfolgreich. Die Versuchung zur Einflussnahme der Entscheidungsträger muss reduziert werden. Eine genaue Festlegung der Ermessensspielräume und Ziele durch den Prinzipal ist hilfreich. Aber dennoch ist die Moral der Einzelnen, die teilweise durch Öffentlichkeit und Medien unterstützt werden können, für eine Bekämpfung der Korruption langfristig notwendig.

In diesem Bereich können ethische Aspekte eine Rolle spielen. Ein Christ müsste sich langfristig optimal verhalten. In seinem Verhalten ist er nicht nur als Agent dem Prinzipal verantwortlich, sondern GOTT als Schöpfer ist der letzte Prinzipal, der keine Überwachungsprobleme kennt. Wenn ein Mensch sich in Verantwortung seiner wirtschaftlichen Entscheidungen von seinem Gewissen prägen lässt, müsste es eigentlich auch einen inneren Anreiz geben zum normengerechten Verhalten und dort, wo die Rahmenbedingungen unklar sind, sich im gesamtwirtschaftlichen Interesse zu verhalten. In diesem Zusammenhang haben die Kirchen einen großen Auftrag. Die Abnahme der Religiosität in der Gesellschaft, das Versagen der kirchlichen Verkündigung, die Abnahme der Bedeutung des Christentums in unserer Gesellschaft zeigen im Sittenverfall der Führungskräfte negative Auswirkungen. Eine Rückbesinnung auf ethische Werte des Christentums kann zur Korruptionsbekämpfung in unserer Gesellschaft beitragen. Erwähnt sei aber auch, dass auch Religionsgemeinschaften nicht gefeit sind von dem Prinzipal-Agenten-Problem, da auch in ihren Reihen (man denke nur an die Kirchengeschichte) Machtkämpfe, Korruption und ein Dilemma zwischen Eigeninteresse und dem Interesse der Gesellschaft zu beobachten sind. Eine ständige Ausrichtung des Einzelnen auf seinen GOTT, Schöpfer und Richter kann der Gesinnungsethik mehr Gewicht geben.

Literaturhinweise

Acemoglu, Daron / Thierry Verdier: The Choice Between Market Failures and Corruption, American Economic Review 90:1 (März 2000) 194-211

Lachmann, Werner: Die Diätenregelung für Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Versuch einer (wirtschafts)ethischen Bewertung, in: Wulf Gartner (Hg): Wirtschaftsethische Perspektiven IV. Methodische Grundsatzfragen,

Unternehmensethik, Kooperations- und Verteilungsprobleme, Berlin 1998 (Duncker & Humblot) 307-331

Mirrlees, James A.: The optimal structure of incentices and authority within an organization, Bell Journal of Economics 7:1 (Frühjahr 1976) 105-131

Werner Lachmann

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