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Ethikversagen als Ursache von Wirtschaftskrisen?

Missbrauch des Gerechtigkeitsbegriffs / Moral als Produktionsfaktor / Die Rolle der Verantwortungsethik

In der politischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West schien die marktwirtschaftliche Ordnung den Sieg davongetragen zu haben - aber es scheint ein Pyrrhus-Sieg gewesen zu sein! Nach der wirtschaftlichen Krise des Sozialismus beobachten wir im verstärkten Maße eine Krise europäischer Wirtschaftspolitik. In Deutschland nähert sich die Zahl der Arbeitslosen an die vor zwei Jahrzehnten noch unvorstellbare Marke von 5 Mio. Menschen. Je nach Meßkonzept mag sie in Wirklichkeit noch höher liegen. Der Staat ist wegen seiner lange durchgeführten Verschuldungspolitik finanziell weniger handlungsfähig geworden. Immerhin entspricht die heutige Staatsverschuldung einer jährlichen Kreditaufnahme (ohne Zins und Zinseszins) von ca. 3 Mio. DM täglich seit Christi Geburt. Joseph Schumpeter hat in seiner Schrift: „Die Krise des Steuerstaats“ schon 1918 darauf verwiesen, dass gesellschaftliche Krisen an ihren Finanzen erkannt werden können. Die Finanznot des Staates und die Unfähigkeit zu politischen Reformen lassen nach den Ursachen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise fragen. In der öffentlichen Diskussion werden als Ursachen das Versagen der marktwirtschaftlichen Ordnung oder die vielen Interventionen des Staates genannt. Oft sind die Urteile nicht wissenschaftlich belegt. Die Diskussion zeigt nur eines: Wenigstens für Schlagworte gilt noch das Gesetz des freien Wettbewerbs: Das Billigste siegt!

Worin liegen nun die Ursachen unserer Wirtschaftskrise? Es sind mehrere Gründe, die zu der jetzigen wirtschaftlichen Misere beigetragen haben. Eine verfehlte Wirtschaftspolitik in den 70er Jahren ist genauso verantwortlich zu machen wie fehlende Anreize in unserer Verfassung, eine auf die langfristige Wohlfahrt ausgerichtete Wirtschaftspolitik zu betreiben. In diesem Beitrag soll es nur um die Rolle der Ethik für das Wirtschaftsversagen gehen. Oft wird von einem Werteverfall oder Wertewandel unserer Gesellschaft gesprochen. Wie lässt er sich erklären?

  1. Missbrauch des Begriffs der Gerechtigkeit

Die Soziale Marktwirtschaft ist in Deutschland z.T. auch daher bei vielen populär geworden, weil sie nicht nur die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen einfordert, sondern auch die Bedeutung des sozialen Ausgleichs in ihrem Namen als Programm verankert hat. Das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft ist aber heute zur Achillesferse geworden, weil es zu einem falschen Verständnis des Gerechtigkeitsbegriffes und der sozialen Verantwortung gekommen ist. Der Gerechtigkeitsbegriff ist äußerst vielschichtig. Es muss immer ein Bezugspunkt genannt werden, an dem sich die Gerechtigkeit auszurichten hat. Wenn von der Gerechtigkeit Gottes die Rede ist, kann beispielsweise die Gerechtigkeit gemeint sein, die vor Gott bestehen kann. Maßstab sind die von Gott gegebenen Gebote.

Die Gerechtigkeit Gottes kann auch subjektiv gemeint sein, wie es die Reformation herausgearbeitet hat: die Gerechtigkeit, die Gott selber den Menschen zur Verfügung stellt. Auf das Wirtschaftliche bezogen kann die Gerechtigkeit auf die Leistung hin bezogen werden. Wir sprechen dann von der Leistungsgerechtigkeit. Es ist dann gerecht, dass der Mensch das erhält, was er erwirtschaftet hat. Ein Arbeitnehmer mit hoher Produktivität wird einen höheren Lohnsatz erhalten als ein weniger gut ausgebildeter. Wird als Maßstab die Bedürftigkeit genommen, so muss jedem das Seine im Rahmen der Bedürftigkeit zugesprochen werden. Eine Familie mit mehreren Kindern benötigt dann eine höhere Zuteilung als ein Einzelhaushalt. In der deutschen Wirtschaftspolitik, oft unterstützt durch das demokratische System, wurde Gerechtigkeit verstanden als eine stärkere Einkommensgleichheit und hohe Absicherung des einzelnen in Notfällen. Biblisch begründet ist die Tatsache, dass Menschen in Not geholfen werden muss! Die Bibel spricht sogar davon, dass Kredite, die an Not leidende Volksgenossen vergeben werden, nicht nur zinslos gegeben werden müssen, sondern nach einem bestimmten Zeitraum nicht mehr zurückgefordert werden dürfen. Armut soll kein Lebensschicksal bleiben. Ein Mensch, der längere Zeit in Not war und sich verschuldet hat, erhält eine Chance zum Neuanfang, da alle sieben Jahre Kredite, die aufgenommen worden sind, um den Lebensunterhalt zu sichern, „vergeben“ werden müssen.

Unsere Wirtschaftsordnung hat diesen biblischen Maßstab übernommen. Sozialhilfe muss nicht zurückgezahlt werden. Hierin folgt unsere Wirtschaftsordnung ethischen und biblischen Prinzipien. In der politischen Diskussion ist der Begriff Gerechtigkeit jedoch instrumentalisiert worden. Oft haben Interessengruppen versucht, in der Umschreibung von „sozialer Gerechtigkeit“ und einer starken Betonung des Sozialen, ein Nichtleistungseinkommen zu erzielen. Man brauchte nicht mehr arbeiten, um ein Einkommen zu erzielen, sondern man musste nur sich lautstark im politischen Prozess zu Wort melden, damit über Umverteilungen zu Lasten anderer staatliche Mittel für die eigenen Interessen zur Verfügung gestellt wurden. Diese Überbetonung des Sozialen, die Instrumentalisierung des Begriffes der Gerechtigkeit, führte auf der einen Seite zu einer starken Anspruchshaltung gegenüber dem Staat, der für alles und jedes verantwortlich zu sein schien. Die Soziale Marktwirtschaft entwickelte sich in Richtung eines Wohlfahrtsstaates, wo der Staat fast für das Glück der Bürger verantwortlich zeichnen musste. Kritik wird laut, wenn der Staat Lösungen nicht parat hat selbst dort, wo Interessengruppen durch ihre Opposition eine Verbesserung der Rahmenbedingungen verweigern. Bei der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ist zu wenig auf die nationalökonomischen Gesetzmäßigkeiten und die der menschlichen Natur eingegangen worden. Es wurde nicht berücksichtigt, dass der Mensch ein Sünder ist, der Rahmenbedingungen häufig zu seinem Vorteil ausnutzt. Ohne hohe Subventionen gäbe es keinen Subventionsbetrug. Ohne garantierte und überhöhte Mindestpreise gäbe es keine Überschussproduktion. Fehlende oder falsche Preissignale führen zu einer Übernachfrage nach Gütern. Zu erwähnen wären hier unter anderem die Agrarpolitik, die nicht nur ökologische Probleme hervorgerufen hat, sondern auch zu einer großen Budgetverschwendung führte. Die Gesundheitspolitik hat die Anbieter in den Glauben versetzt, die hohen Einkünfte wären marktmäßig verdient. Sie hat die Nachfrager zu der Anspruchshaltung verführt, dass sie ein Recht auf volle Gesundheit haben, selbst wenn sie verantwortungslos mit ihrem Körper umgehen.

Ethik des Erbarmens contra Ethik der Selbstverantwortung

In der philosophischen, theologischen und politischen Diskussion stand lange Zeit eine Ethik des Erbarmens im Vordergrund, eine Ausrichtung auf die Gescheiterten in dieser Gesellschaft. Diese Ausrichtung ist richtig, sie wurde jedoch mit den falschen Mitteln betrieben. Auch Arme sind Sünder und nutzen Rahmenbedingungen aus. Es ist dringend notwendig, eine Ethik der Selbstverantwortung einzufordern, ohne dadurch einem Sozialdarwinismus zu verfallen.

Wir brauchen eine Kultur der Selbstverantwortung, Menschen müssen wieder stolz sein, eigene Leistungen zu erbringen, Mühen müssen sich lohnen. Leistung darf kein unanständiges Wort werden. So schrieb Helmut Schoeck ein Buch mit dem Titel „Ist Leistung unanständig? Unser Recht auf Faulheit“. Es entspricht den biblischen Grundsätzen, dass der Mensch sich für seinen Lebensunterhalt anstrengen muss, in Mühe sein Brot zu verdienen hat. Die Arbeit ist seit dem Sündenfall ambivalent geworden. Sie ist göttlicher Auftrag schon vor dem Sündenfall, die Früchte der Arbeit stehen jedoch unter einem Fluch, den es zu beachten gilt.

  1. Moral als Produktionsfaktor

Max Weber hat in einer berühmten Untersuchung zu Beginn dieses Jahrhunderts aufgezeigt, dass eine Ethik, die aus dem Glauben der Christen kam, wirtschaftliche Konsequenzen hatte. Bekannt wurde sein Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, in welchem er insbesondere die von Calvin geprägten Christen als wirtschaftlich äußerst produktiv darstellte. Darauf gehen Baptisten, Methodisten, Puritaner und teilweise auch Pietisten zurück, die sehr häufig auch wirtschaftlichen Erfolg hatten.

Mehrere Studien scheinen diese Ergebnisse von Max Weber bestätigt zu haben. Heute wird in zunehmendem Maße eine hohe Moral als Produktionskosten sparend angesehen. Überwachungs- und Transaktionskosten sind niedriger, wenn Ehrlichkeit und andere Tugenden in einer Gesellschaft einen hohen Stellenwert haben. Leider ist in den letzten Jahrzehnten ein Werteverfall zu beobachten, der wiederum Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Normen und den wirtschaftlichen Wohlstand hat. Fast jeder ist heute leicht geneigt, staatliche Zuwendungen zu beantragen und Formulare so auszufüllen, dass er mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit damit rechnen kann, bestimmte Vergünstigungen zu erhalten. Der Eigenbeitrag wird viel geringer betont als die Aufgaben, die der Staat zu übernehmen habe. Hier wird ein ethisches Umdenken zur Verantwortung deutlich. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass in allen Gesellschaftsschichten bestimmte illegale Verhaltensweisen als Kavaliersdelikte angesehen werden. Steuerbetrug z.B. wird als Ausweichreaktion gegen ungerechte Gesetze gedeutet.

Ein schlesisches Sprichwort sagt: Gar mancher möchte ehrlich sein, trügs Gegenteil nicht viel mehr ein! Wir müssen also nach den Ursachen des Werteverfalls fragen. Zwei dieser Ursachen möchte ich nur kurz nennen. Auf der einen Seite haben die Rahmenbedingungen dazu beigetragen, dass Menschen korrumpiert wurden. Man wächst in einer Gesellschaft auf, in der man Ansprüche artikulieren muss. Der Ehrliche ist zu häufig der Dumme, so dass Moral sich immer weniger halten kann. Die staatliche Gesellschaftspolitik ist somit auch Verursacher des moralischen Verfalls in unserer Gesellschaft.

Auf der anderen Seite hat auch die Kirche in unserer Gesellschaft versagt. Sie hat sich in einem hohen Maß für die sozial Schwachen engagiert, was richtig war - jedoch mit falschen wirtschaftspolitischen Mitteln und unter Missachtung der menschlichen Natur. Die Kirche hat sich in einem hohen Maße von ihrem eigenen Auftrag entfernt. Statt klares biblisches Evangelium zu verkündigen, das dazu führt, dass Menschen anders werden, hat sie im Übermaß die großen gesellschaftlichen Probleme oberflächlich angegangen.

Es sind geschichtliche Beispiele bekannt, dass Menschen, die in Gott verankert waren, aus ihrem Glauben Kraft erhielten, gegen die vorherrschenden Rahmenbedingungen anzugehen, verantwortlich gehandelt haben. Es waren Menschen, die ehrlich sein wollten, auch wenn sie dadurch Dumme wurden! Der Glaube gab ihnen die Kraft dazu, dieses Unrecht zu ertragen. Eine langfristige Ausrichtung, ein Ziel über den Tod hinaus, gab ihnen die Motivation, an den Rahmenbedingungen zu leiden , in der Hoffnung auf eine ewige Belohnung. Die Kirche hat in einem hohen Maße dem Menschen die Angst vor dem Gericht Gottes genommen und die Kraft des Christseins entzogen, so dass selbst in der Kirche ein hohes Maß von Unmoral (aus biblischer Sicht) zu beobachten ist. Das Versagen von Wirtschaftspolitik und Kirche hat damit zum Verlust an Individualethik beigetragen. Wir benötigen wieder Menschen, die andere Motive haben. Im Sinne von Max Weber hat die Motivations- oder Gesinnungsethik an Einfluss verloren. Und dies hat wirtschaftliche Auswirkungen, da, wie schon genannt, ein hohes Maß an Tugend Produktionskosten senkt, Missbrauch von Subventionen reduziert usw.

  1. Verantwortungsethische Sicht

Menschen handeln anreizausgerichtet. Werden in einem bestimmten Bereich hohe Anreize gesetzt, werden wirtschaftliche Aktivitäten in diese Richtung gelenkt. So erklären sich Subventionen in Forschung oder Ausbildung. Unternehmen werden dann verstärkt Investitionen in diesen Bereichen vornehmen. Wird das Hochschulstudium subventioniert, dann werden viele ein Hochschulstudium ergreifen. Die volkswirtschaftliche Theorie zeigt, dass Nutzen maximierende Menschen und gewinnmaximierende Unternehmen durch die staatliche Setzung von Anreizen in bestimmte Tätigkeiten oder Eigenschaften gedrängt werden können. Anreize sind als finanzielle Anreize am wirksamsten. Auch in der Sowjetunion wurden Arbeitsanreize gegeben. Ein Mensch bekam als „Held der Arbeit“ Vergünstigungen, wobei wir ebenfalls wissen, dass es auch hier zu Unredlichkeiten gekommen ist, um diesen Titel und diese Vergünstigungen zu erlangen. Belobigungen seitens des Staates werden kaum lange Auswirkungen auf Menschen haben, wenn damit nicht eine finanzielle Belohnung verbunden ist.

Der Staat hat von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, finanzielle Belohnungen zu geben. Hierbei sind jedoch einfache Haushaltsgrundsätze vernachlässigt worden. Es ist unethisch, wenn eine Generation zu Lasten der folgenden Generationen lebt. In den letzten 25 Jahren haben wir in Deutschland einen enormen Anstieg der Staatsverschuldung erfahren. Die Menschen, die diese Entscheidungen getroffen haben, sind jedoch für die Staatsverschuldung in keiner Weise verantwortlich. Sie haften weder mit Pensionen noch mit ihrem Vermögen für diese Entscheidungen. Es stellt sich die Frage, ob unter diesen Bedingungen verantwortungsethisch gehandelt werden kann.

Die Bevölkerung ist in einem hohen Maße von den finanziellen Entscheidungen ausgeschlossen. Unsere repräsentative Demokratie gibt den Abgeordneten eine weite Kompetenz. Zwar gibt das Parlament vor, im Namen des Volkes zu handeln (was des öfteren schon mit verheerenden Folgen geschah), aber die Bevölkerung hat wenig Mitspracherecht. Um das finanzielle Desaster zu verhindern, wäre es wichtig, dass die Bevölkerung bei Steuererhöhungen und Ausgabenentscheidungen gefragt werden würde. In der Verfassung müssten klare Grenzen aufgezeichnet werden, deren Überschreitung auch mit Sanktionen verbunden ist. In einem hohen Maße sollte der Bürger an den wirtschaftspolitischen Entscheidungen, die ihn betreffen, auch beteiligt werden. Insbesondere muss die zahlende Gruppe im politischen Prozess ihr Einverständnis signalisieren, ob sie diese Mehraufwendungen auch leisten möchte.

Die Rückkoppelungsmechanismen, die insbesondere von den Ordoliberalen betont wurden, fehlen. So galt als ein wichtiges Prinzip für die Wirtschaftspolitik die Regel, dass, wer Entscheidungsgewalt hat, auch die Verantwortung für seine Entscheidung zu übernehmen habe. Hiergegen ist im politischen Prozess in eklatanter Weise verstoßen worden, so dass der Staat heute in hohem Maße verschuldet ist. Die Verschuldung wurde den Politikern zu leicht gemacht.

Fehlende Verantwortlichkeit in der Tarifautonomie

Gleiches lässt sich für die Tarifautonomie sagen. Hierbei handelt es sich um Vereinbarungen zu Lasten Dritter. Die Tarifpartner entscheiden über Lohnstruktur und Lohnniveau. Die Konsequenzen haben die Arbeitslosen und der Steuerzahler bzw. die Beitragszahler zu tragen. Es fehlten Mechanismen, die die Tarifpartner zwangen, verantwortungsethisch zu handeln und beispielsweise untere Lohngruppen nicht zu streichen. Es ist nicht die Aufgabe des Unternehmens, Sozialpolitik zu betreiben. Es hätte Unternehmen erlaubt sein müssen niedrigere Löhne zu zahlen; hätte der Lohnsatz unterhalb des Existenzminimums gelegen, so hätte der Staat über die Sozialpolitik Zuwendungen leisten müssen. Dadurch wären die Staatsausgaben niedriger ausgefallen als in der durch die Tarifpartner verfolgten Politik, die dem Staat die Überwindung der Arbeitslosigkeit aufbürdet. Die Änderung von Rahmenbedingungen ist sehr schwierig. Bertrand Russell behauptete einmal: Der große Jammer dieser Welt ist, dass die Dummen immer felsenfest von ihrer Sache überzeugt und die Klugen voller Zweifel sind. Diesen Satz könnte man umformulieren in die Richtung, dass die Interessengruppen immer wissen, was sie wollen; die Vertreter nationalökonomischer Gesetzmäßigkeiten sind zu zurückhaltend gewesen. Horaz fragt einmal: „Quid leges sine moribus?“ (Was sollen Gesetze, wenn keine Moral dahinter steht? - Carmina 3,24,35).

  1. Was ist zu tun?

Die gegenwärtige gesellschaftspolitische Diskussion ist durch eine gewisse Polarisierung gekennzeichnet. Auf der einen Seite stehen die Marktwirtschaftler, die meinen, durch marktwirtschaftliche Prinzipien allein und durch einen schrankenlosen Abbau sozialpolitischer Leistungen wären die Probleme schnell in den Griff zu bekommen. Auf der anderen Seite stehen die Interventionisten, die noch mehr Verantwortung dem Staat übertragen wollen. Der Staat, der hätte zeigen können, dass er ausstehende Probleme lösen kann, aber versagte, wird in weitere Verantwortung gezwängt. Dadurch wird der Bock zum Gärtner gemacht! Auf der einen Seite müssen Rahmenbedingungen auf Verfassungsebene derart geändert werden, dass eine unverantwortliche Wirtschafts- und Sozialpolitik verhindert werden kann. Gesetze sind so zu formulieren, dass kluge Steuerberater sie nicht mehr ausnutzen können.

Gleichzeitig ist eine ethische Erneuerung über eine Hinwendung zum Glauben notwendig. Der biblische Glaube hat Konsequenzen. Ethisches Handeln ist eine demonstratio fidei. Einfache Appelle helfen nicht, wirtschaftliche Schwierigkeiten zu überwinden. Dazu ist der Mensch aus eigener Kraft zu schwach. Rahmenbedingungen müssen geändert werden! Aber der Christ hat mehr zu bieten: Gott verspricht durch den Heiligen Geist den einzelnen Kraft zu geben, in seinem Sinne zu handeln.

Eine Neubesinnung aus christlicher Verantwortung ist gefordert. Jesus sagt einmal: Alles was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! (Mt. 7,12). In unseren täglichen Entscheidungen müssen wir fragen, ob wir das auch von dem anderen erwarten würden. Adam Smith hat darauf Wert gelegt, dass man seine Entscheidungen immer aus der Sicht eines unparteiischen Beobachters überprüfen müsse. Der Christ sollte fragen, ob Gott mit seiner Entscheidung einverstanden wäre.

Dennoch wird der Christ häufig, vielleicht unter falsch verstandenen Sachzwängen, falsche Entscheidungen treffen. Hier bietet sich ihnen ein Wort Jesu als Hilfe an: Er sagt einmal: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“, d.h. aber auch, dass der Christ nichts ohne Gott tun muss. Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Dies bedeutet, dass wir Menschen nicht degradieren. Bei Entscheidungen ist zu fragen, ob sie integer sind. Der einzelne Christ muss wieder lernen, einen biblisch orientierten Entscheidungsprozess zu verfolgen.

Hier sind christliche Organisationen und Gemeinschaften gefragt. Hier ist die Kirche herausgefordert. Nur über eine regeneratio ist es möglich, andere Menschen zu werden, die auch in dieser Welt integer handeln und die schlechten Rahmenbedingungen nicht ständig zu ihrem Vorteil ausnutzen. Sollten Christen auch politische Verantwortung übernehmen, werden sie sich in einem höheren Maße auch für gerechtere Gesetze einsetzen, so dass das Moralkapital in einer Gesellschaft nicht weiter gefährdet wird.

Werner Lachmann

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Society for the promotion of economics and ethics