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Ist das Zinsverbot mit der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar?

Zinsen und Wucher / Folgen des Zinsverbotes / Entwicklungspolitik und Schuldenerlass

Die Präambel der ehemaligen sowjetischen Verfassung zitiert ein Wort aus der Bibel: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen (2. Thess. 3,10b). Im englischen Steuerrecht wurden Arbeitseinkommen und Zinseinkommen (unearned income) unterschiedlich besteuert. Inwieweit sind Zinsen heute berechtigt? Wo beginnt der Wucher? Wie soll sich ein Christ in der gegenwärtigen marktwirtschaftlichen Ordnung zum Zinsverbot stellen? Der Islam lehnt heute noch kategorisch Zinsen ab und benötigt andere Mechanismen, die den Zins in einer modernen Gesellschaft ersetzen sollen. Heutige marktwirtschaftliche Industriegesellschaften haben ausdifferenzierte Finanzmärkte mit unterschiedlichen Zinssätzen. Eine Gesellschaft ohne Zins lässt sich nicht mehr vorstellen. Ist das Zinsverbot mit der Sozialen Marktwirtschaft vereinbar?

  1. Das Alte Testament

  2. Mose 22 V.24 lautet: Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen. Ähnliches findet sich in 3. Mose 25,36 und 5. Mose 23,20, wobei vom Ausländer ein Zins genommen werden durfte.

Eine sorgfältige Untersuchung dieser Stellen zeigt, dass es sich jedes mal um einen ?Notkredit? handelt. Einem Volksgenossen, mit welchem man solidarisch ist, soll man im Falle der Not helfen und nicht an ihm verdienen! Dieses Wort ist im Kontext der damaligen wirtschaftlichen Gegebenheiten zu sehen. Darlehen wurden nicht für produktive Zwecke verwendet, sie wurden in Notlagen gewährt, um dem Unglücklichen (meist bis zur nächsten Ernte) zu helfen. Das Unglück des Nächsten soll wirtschaftlich nicht ausgenutzt werden!

Eine sprachliche Beobachtung sei angemerkt. Die hebräische Sprache unterscheidet nicht zwischen Zins und Wucher. Die Textstellen könnten auch folgendermaßen verstanden werden: Du sollst von Deinem Nächsten keinen Wucherzins nehmen!

Ein Blick in Nehemia (5,7) zeigt, dass in Israel das Zinsnehmen auch im Falle der Not von den Wohlhabenden üblich war. Nehemia geißelt die Ausnutzung der wirtschaftlichen Notlage der Armen und erreicht eine Umkehr und einen Erlass der aufgenommenen Schulden. Erinnert sei daran, dass Gott nicht will, dass ein Mensch verarmt, keine Möglichkeit mehr hat, mit eigener Arbeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Zur Sicherung der langfristigen Überlebensfähigkeit einer Familie wurden alle sieben Jahre selbstschuldnerische Bürgschaften erlassen und alle 50 Jahre das Produktivkapital (damals Grund und Boden) zurückgegeben!

  1. Befund des Neuen Testaments

Das neue Testament geht auf das Zinsverbot nicht ein. In Lukas 19,23 ist davon die Rede, dass der Schalksknecht kritisiert wird, weil er mit seinen Pfunden nicht ?wucherte?. Jesus sagt in diesem Beispiel: Er hätte sein Pfund gegen Zins ausleihen können! Anscheinend war es damals üblich, Zinsen zu nehmen.

Die griechische Sprache unterscheidet ebenfalls nicht zwischen Wucher und Zins. Das griechische Wort ?tókos? bedeutet Geburt, Nachkommenschaft, bezeichnet also die Vermehrung von Lebendigem. Dieses Wort wurde im Sinne von Ertrag, Gewinn, Zins und Wucher genutzt. Aus diesem Grunde konnte Aristoteles davon sprechen, dass Geld keine Jungen wirft, da er das griechische Wort wörtlich nahm. In der Septuaginta wird für die verwendeten hebräischen Wörter ebenfalls dieses Wort tókos genommen. Das Neue Testament vertieft die Zinsdebatte nicht.

  1. Aristoteles

Aristoteles wie auch Plato gehen vom Wortsinn des griechischen Wortes tókos aus und betonen, dass Geld unfruchtbar sei, keine Jungen bekommen könne, demzufolge Geld nicht produktiv ist und daher nicht über Zinsen vermehrt werden solle. In seiner nikomachischen Ethik verurteilt Aristoteles den Wucher. Es scheint, als ob die griechischen Philosophen hohe ethische Bedenken gegen Kreditgeschäfte hatten, aber nicht jede Art von Zins ablehnten.

  1. Die Kirchenväter

Strikter lehnten die Kirchenväter, insbesondere die Scholastiker, den Zins ab. Da sie die Zeit als Gemeingut erklärten und Zeit demzufolge nicht käuflich war, sei damit auch der Zins unzulässig. Thomas von Aquin deutete den Kredit als einen Tauschvertrag, bei der Leistung und Gegenleistung nach dem Gebot der Gerechtigkeit sich zu entsprechen haben. Auch bei ihm gilt das Gebot des gerechten Preises, was die Rückgabe einer gleichhohen Geldsumme bedeute, ein darüber hinausgehender Zins verstoße gegen das Naturrecht. Er führte seine Gedanken auf Aristoteles Behauptung zurück, daß Geld unproduktiv sei und eine Reichtumsvermehrung durch Arbeit erfolgt, der Zins demzufolge eine Ausbeutung der Arbeit des Schuldners beinhaltet!

Auf dem Konzil von Nicäa (325) wurde den Klerikern das Zinsnehmen als Verstoß gegen die christliche Bruderliebe verboten. In karolingischer Zeit wurde dieses Verbot auf Laien ausgedehnt. Da Juden hiervon nicht betroffen waren, entwickelten sie sich zu Hauptträgern des Geldwesens.

  1. Aufgaben des Zinses

Nach heutiger wirtschaftswissenschaftlicher Anschauung ist der Zins der Preis für das Ausleihen von Geld bzw. Kapital, wobei sich seine Höhe über Kreditangebot und nachfrage auf dem Kreditmarkt ergibt. So wie der Produktionsfaktor Arbeit einen Lohn erwirtschaftet, erwirtschaftet der Produktionsfaktor Kapital einen Zins. Dieser Zins wird in der Wirtschaftstheorie unterschiedlich begründet. Auf der einen Seite leistet der Kreditgeber einen Konsumverzicht, für den er entlohnt wird. Der Kapitalnehmer setzt das Kapital gewinnbringend ein und erwirtschaftet damit einen Ertrag, er ist bereit, einen Teil des erwirtschafteten Ertrages demjenigen zur Verfügung zu stellen, der ihm diese Investition ermöglicht hat. Auch der Zeitaspekt wird zur Begründung des Zinses angeführt. Ein Konsum heute hat einen höheren Wert als ein Konsum in der Zukunft (Risiko!). Als Kompensation für das damit eingehende Risiko eines späteren Konsums wird ein Zins gezahlt. Übrigens wurden bis in die Goethezeit in Deutschland die Begriffe ?Interessen? und ?Zinsen? gleichgesetzt. Das lateinische Kompositum ?interesse?, wörtlich ?dazwischen sein?, hatte die Bedeutung von ?teilnehmen? oder ?von Wichtigkeit sein?. Zinsen heißt im Englischen übrigens ?interest?.

Man kann also davon ausgehen, dass das kanonische Zinsverbot auf eine fehlende Kapitaltheorie bei Aristoteles zurückgeführt werden kann. Beim Zins ist in modernen Wirtschaften zwischen dem Konsumentenkredit und dem Produktivdarlehen zu unterscheiden. Produktivdarlehen unterliegen nicht dem Zinsverbot, Konsumentenkredite nur dann, wenn es sich um das Ausnutzen einer Notlage des einzelnen handelt. Damit kommen wir zu der Frage der Zinshöhe und der Abgrenzung zum Wucher.

  1. Wucherverbot

Schon die Überprüfung der alttestamentlichen Stellen gaben einen Hinweis darauf, dass nicht generell ein allgemeines Zinsverbot ausgesprochen wurde, sondern die Ausnutzung von Notlagen. Demzufolge sollte von einem kanonischen Wucherverbot, nicht von einem Zinsverbot gesprochen werden. Was ist nun unter Wucher zu verstehen? Unter Wucher wird ein Rechtsgeschäft verstanden, das durch Ausnutzung einer Zwangslage zu einer ungerechtfertigten Vermögensbereicherung führt. Verlangt ein Schuldner einen Zinssatz von mehr als 100 % (wie in der Antike oft üblich), dann handelt es sich um Wucher, um das Ausnutzen der Notlage des Nächsten, der dadurch oft endgültig verarmt. Auch in Deutschland ist der Wucher verboten, Calvin und Luther kritisierten die Wucherer, wobei eine Abgrenzung zum Wucher schwierig ist.

Der zu zahlende Zins setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: der realen Verzinsung, einem Ausgleich für die erwartete Inflationsrate, einen Ausgleich für das mit dem Darlehen eingegangene Risiko, evtl. Verwaltungsgebühren und den Einfluss der Macht. Bei funktionierendem Wettbewerb wird die Machtkomponente gering bleiben und sich über Marktkräfte ein Gleichgewichtszins einstellen, der Kreditnehmer und Sparer so beeinflusst, dass sie zu einem bestimmten Zins in der Lage sind, in Kreditgeschäfte einzuwilligen. Nicht funktionierender Wettbewerb führt zu überhöhten Zinsen, führt dazu, dass eine Marktseite Macht ausüben kann, wodurch der Tatbestand des Wuchers erreicht werden kann.

Bei der Überprüfung des Zinsverbotes muss also auf die Freiwilligkeit und auf den funktionierenden Wettbewerb abgestellt werden. Sobald ein Kredit nicht freiwillig aufgenommen wird und der Wettbewerb verzerrt ist, kann man von einem Wucherverbot ausgehen. Als Wucher wäre dann eine Verfälschung von Wettbewerbspreisen durch den Druck politischer Macht zu verstehen.

  1. Sozialhilfe und Zinsverbot

Die deutsche Sozialpolitik hat die aufgeführten Gedanken verarbeitet. Wer in Deutschland in Not gerät, erhält Sozialhilfe, die weder zurückgezahlt, noch verzinst werden muss. Die Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft übernimmt nicht nur das Wucherverbot, sie ist auch kompatibel mit den sozialpolitischen Grundsätzen des Alten Testaments.

  1. Dritte Welt und Zinsverbot

Das Kreditaufnahmeverbot wird oft in Zusammenhang mit der Verschuldung der Dritten Welt gebracht. Hier müsste in der Tat darüber nachgedacht werden, ob Wettbewerbsbedingungen und Freiwilligkeit vorlagen. Es besteht großer Zweifel, ob die Entwicklungsländer ?freiwillig? in manche Schuldverträge eingetreten sind. Oft hat sie, wenn auch manchmal selbst verschuldet, die wirtschaftliche Notlage dazu gezwungen, weitere Kredite aufzunehmen, wobei die Kreditgeber die Konditionen festsetzten. Sollten alttestamentliche Vorstellungen auf die Weltwirtschaftsbeziehungen übertragen werden, dann wäre zu prüfen, inwieweit nach dem Prinzip der Subsidiarität Industriestaaten für die Überwindung der Not in der Dritten Welt Transfers leisten und die Staaten nicht zwingen, sich für soziale Ausgaben beim Bankensystem zu verschulden. Produktive Kreditaufnahmen über das Bankensystem sind jedoch zulässig. Risiken haben sowohl Banken als auch Schuldnerländer zu übernehmen. Kreditaufnahmen zur Überwindung von sozialen Notlagen müssten im Rahmen der Entwicklungshilfe ohne Rückzahlungspflicht gewährt werden. Anzumerken sei, dass die deutsche Entwicklungshilfepolitik den ärmsten Entwicklungsländern nur noch Zuschüsse zahlt, nur Schwellenländern, die die Kredite ertragserbringend einsetzen, mit Zinsen und Rückzahlungsverpflichtungen belastet.

  1. Zinsverbot und Entwicklung

Die falsch verstandenen Äußerungen des Alten Testaments zum Zinsnehmen und die dadurch behinderte Entwicklung von Finanzmärkten im Mittelalter haben zu einer Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen. Die heutige Entwicklungsländerforschung hat herausgearbeitet, dass zur wirtschaftlichen Entwicklung auch der Aufbau von Finanzsystemen (Finanzintermediation) gehört. Im Fall fehlender Banken, Sparkassen, Raiffeisenbanken usw. lassen sich die vorhandenen Sparmöglichkeiten eines Landes nicht in produktive Investitionen verwandeln. Der Sparer muss zum Eigeninvestor werden. Ein Investor hat kaum Kreditmöglichkeiten, wenn das Finanzwesen nicht entwickelt ist. Ein entwickeltes Finanzwesen erlaubt eine Losgrößentransformation und eine regionale Transformation, d.h. viele kleine Sparer in unterschiedlichen Gegenden des Landes werfen ihre kleinen Ersparnisse zusammen, die das Bankensystem dann in produktive Investitionen lenkt. Dabei wird auch eine Risikotransformation durchgeführt, da nicht der einzelne Sparer evtl. mit seinen Ersparnissen ein verlustreiches Projekt finanziert, sondern die Banken einen Ausgleich durchführen und für die Übertragung der Ersparnisse den Sparern einen Zins gutschreiben. Länder, die durch eine verfehlte Geldpolitik hohe Inflationen zuließen, haben dadurch Ersparnisse vernichtet (Inflation als Diebstahl!), was die Ersparnisbildung behinderte und die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls behinderte. Die heute so erfolgreichen Schwellenländer in Asien begannen ihre wirtschaftliche Entwicklung meist mit einer Reform ihres Finanzwesens, mit positiven Realzinsen, Bekämpfung der Inflation, mit dem Aufbau der Finanzmärkte. Die wirtschaftliche Entwicklung ist eng mit der Entwicklung von Finanzmärkten verzahnt.

Ein Verzicht auf das ertragreiche Einsetzen von Kapital ist in heutigen modernen Industriegesellschaften nicht möglich. Es gibt weder philosophische noch biblische Gründe, Zinsen für Produktivinvestitionen abzulehnen. Es muss aber darüber gewacht werden, dass auch auf den Finanzmärkten mehr Wettbewerb herrscht, so dass keine Ausbeutung der Notleidenden erfolgt. Die Sozialhilfe soll ebenfalls weiterhin mit nichtrückzahlbaren Zuschüssen das Existenzminimum von in Not geratenen Volksgenossen schützen, wie es das Alte Testament im Mosaischen Gesetz vorsieht.

Werner Lachmann

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