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Ökonomie in gesellschaftlicher Verantwortung. Sozialökonomik und Gesellschaftsreform heute.

Wolfram Elsner, Werner Wilhelm Engelhardt, Werner Glastetter (Hg.). (Festschrift zum 65. Geburtstag von Siegfried Katterle), Berlin 1998 (Duncker & Humblot:Volkswirtschaftliche Schriften, Heft 481), 462 S. (ISBN 3-428-09112-4)

Die herrschende neoklassische Wirtschaftstheorie hat keinen Raum für Ethik, benötigt auch keine Ethik. Die Wirtschaftssubjekte maximieren Gewinn oder Nutzen, wobei sie vollständig über ihre Möglichkeiten informiert sind und keiner mit Hilfe des Betrugs seine Ziele zu erreichen versucht. Die reale Welt erlebt einen anderen Menschen, nicht immer voll informiert, nicht mit einer stetigen, zeitkonsistenten Nutzenfunktion, manchmal mit nicht ganz legalen Mitteln seine Ziele verfolgend.

Siegfried Katterle, dem die Festschrift gewidmet ist, gehört zu den wenigen deutschen Nationalökonomen, die noch der Tradition der deutschen Sozialökonomik folgten und als Christ und sozialer Demokrat sich auch wirtschaftsethischen Fragen stellte. Diese Festschrift stellt nun einige Aufsätze zusammen, die dem neoklassischen Paradigma kritisch gegenüberstehen. Hierin liegt auch ein wenig das Problem der Festschrift: Die herrschende Wirtschaftstheorie wird kritisiert - ohne einen wirklichen neuen Ansatz ableiten zu können. Die 20 Beiträge sind in 5 Gruppen unterteilt: Ökonomismus oder Sozialökonomik, Wirtschaftsethik und Wirtschaftsordnung, Erneuerung der Wirtschafts- und Finanzpolitik, Reform von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik und Wiederbelebung der Strukturpolitik.

Am interessantesten sind die Beiträge der beiden ersten Gruppen. W.W. Engelhardt stellt die Arbeiten Katterles im dogmengeschichtlichen Zusammenhang dar und betont seinen Ansatz des homo culturalis im Vergleich zum homo oeconomicus oder homo politicus. Katterle wurzelt in der historischen Schule, daher stellt H. Schellschmidt die sozialökonomische Institutionenanalyse im Werk Gustav Schmollers dar, und N. Reuter zeigt die Rolle der Institutionen in der alten und neuen Institutionenökonomik, wobei die neue Institutionenökonomik als neoklassisch dargestellt und vom methodologischen Ansatz kritisiert wird. Beide institutionalistischen Schulen leben aber in zwei unterschiedlichen ökonomischen Welten.

Im zweiten Teil wendet sich P. Ulrich gegen die totale Marktgesellschaft und spricht sich für eine integrative Wirtschaftsethik aus. Überraschend ist die in vielen Beiträgen dargestellte Kritik gegenüber dem Wettbewerb. So lehnt Ulrich den Wettbewerb ab, weil bei intensivem Wettbewerb Sachzwänge auftreten, die ein ethisches Verhalten gefährden. In seiner Kritik an der Sozialen Marktwirtschaft betont er, daß der ökonomische Bock zum ordnungspolitischen Gärtner gemacht wird (S. 124). Die Rolle der Vernunft für wirtschaftliches Handeln wird betont - ohne darzulegen, mit welchen Mechanismen wirtschaftliche Entscheidungen vernünftig getroffen werden können. Es gibt kein Kriterium für Vernunft und Verantwortung, wobei das Wort Verantwortung ja darauf hindeutet, daß man sich für sein Verhalten verantworten, d.h. Antwort geben muß. Er bezeichnet als sozialökonomisch rational jede Handlung, die freie und mündige Bürger in einer vernunftgeleiteten Verständigung treffen(S. 139). Der systematische Ort der Moral der Wirtschaft ist für ihn der unendliche öffentliche Diskurs. Es fällt auf, daß Ziele genannt werden, keine ordnungspolitischen Lösungen angegeben werden. Die Kritik besteht im Kampf gegen den Neoliberalismus, gegen den eigene Werte als ökonomische Analyse gesetzt werden, wobei man wohl darauf vertraut, daß im Diskurs die Kritik ausdiskutiert wird. Es wird nicht deutlich, inwieweit Eigeninteresse vernünftig sein könnte. Wenn die Gesellschaft für alles offen ist, dann ist sie nicht ganz dicht! Gerade der Beitrag von Ulrich wimmelt von Worthülsen ohne klare Konkretisierungen.

L.F. Neumann verteidigt das gemeinsame Wort der Kirchen gegenüber der neoklassischen Kritik des Sachverständigenrats, und Günter Brakelmann stellt das Leben eines Facharbeiters in einer Gesellschaft mit Dialog aber ohne Hierarchie dar. K.G. Zinn kritisiert die Soziale Marktwirtschaft als politisches Kabinettstückchen, wobei er einige berechtigte Tendenzen in der Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft kritisch aufzeigt und seine These begründet, daß Vollbeschäftigungspolitik letztlich eine Machtfrage bedeutet.

Vor- und Nachteile des amerikanischen Arbeitsmarktes gegenüber dem deutschen System zeigen Th. Eger und H.G. Nutzinger auf, einer der am stärksten ausgeglichenen Beiträge dieses Sammelbandes. Im Kapitel „Erneuerung der Wirtschafts- und Finanzpolitik“ behandelt K. Rothschild die Entwicklung der magischen Vielecke der Wirtschaftspolitik und R. Hickel fragt nach der Gerechtigkeit des deutschen Steuersystems.

Im Kapitel „Reform von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik“ wird von H.P. Widmaier die Sozialpolitik als rationale Herrschaft dargestellt und ein dialogisches Paradigma in der Sozialpolitik gefordert. Das Buch endet mit einigen Beiträgen zur Strukturpolitik.

Fazit: Der Titel macht neugierig, die Darstellung ist ein wenig zu einseitig, gegen die Soziale Marktwirtschaft, als Neoliberalismus und Neoklassik verpönt, gerichtet. Gerade die Rolle des Wettbewerbs wird nur negativ gesehen. Es werden berechtigte Schwächen der Wirtschaftstheorie aufgezeigt - jedoch die möglichen Schwächen einer vernünftigen, auf Wirtschaftsethik basierenden, Ökonomik nicht gesehen. Leider bleibt dieser Band in einer teilweise polemisch geführten Kritik gegenüber der herrschenden Wirtschaftslehre - die teilweise berechtigt ist, ohne Probleme zu starker Interventionen aufzuzeigen, und ohne ein Gegenkonzept zu entwickeln, das implementierbar ist. Es scheint so, daß einige Verfasser der gute Diktator sein möchten, die von ihrer Vernunft geleitet, die wirtschaftspolitischen Probleme lösen könnten. Zwar wird betont, daß S. Katterle ein bekennender Christ sei - biblische Aspekte fehlen in der Analyse selbst im ethischen Teil völlig. Während die Neoklassiker als Letztbegründung die nicht begründbaren Präferenzen der Individuen setzt, fehlen hier Hinweise zu einer Letztbegründung, die nur im wirtschaftsethischen Dialog gesehen werden, wobei die Schwierigkeiten der Implementierung, Probleme des Betrugs und der Macht nicht behandelt werden. Dieses Buch beleuchtet kritisch offene Flanken der herrschenden Wirtschaftstheorie - an einer Alternative muß wohl noch weiterhin gearbeitet werden, da die vereinzelt skizzierten Hinweise wohl gesellschaftlich noch gefährdendere Auswirkungen haben werden als der kritisierte Neoliberalismus.

Prof. Dr. Werner Lachmann,Ph.D.; Universität Erlangen-Nürnberg

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