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Religion and Economics: Normative Social Theory

James M. Dean and A.M.C. Waterman (Hg.), Kluwer Academic Publisher, 1998, ISBN: 0792383737

Als Folgeband zu Economics and Religion: Are They Distinct?, der die Frage behandelte, ob und in welchem Ausmaß die Ökonomie für theologische Überlegungen offen ist, untersucht dieser Band die Möglichkeiten eines friedvollen Neben- bzw. Miteinanders von Ökonomie und Religion auf dem Gebiet der normativen Sozialtheorie. Ausgangspunkt der Betrachtungen ist die von den Herausgebern vertretene Auffassung, dass Ökonomie und Theologie grundsätzlich autonome Disziplinen sind, und es daher nicht sinnvoll ist, etwa von einer „christlichen Ökonomie“, einer „islamischen“ Ökonomie oder dergleichen zu sprechen.

Die Beziehung zwischen Ökonomie und Theologie auf dem genannten Gebiet wird anhand verschiedener Fallstudien in der römisch-katholischen, der anglikanischen, der jüdischen, der evangelikalen sowie der neo-calvinistischen Tradition untersucht. Die Autoren der Fallstudien sollten sich hauptsächlich auf die folgende Frage konzentrieren: Ist der Versuch, Theologie und Ökonomie in der normativen Sozialtheorie zu kombinieren, intellektuell vertretbar und tatsächlich erfolgversprechend?

Die sechs Fallstudien repräsentieren die große Vielfalt an Möglichkeiten, Ökonomie und Religion bei der Gestaltung von normativen Sozialtheorien gemeinsam anzuwenden. Die Meinungen über die Sinnhaftigkeit dieser Kombination sind allerdings geteilt. Drei der Autoren halten es für zweckmäßig, die wirtschaftlichen Implikationen der in jeder ökonomischen Theorie vorhandenen ethischen Elemente zu analysieren und – etwa als Gegenposition zur in der Neoklassik weitgehend implizit vorherrschenden Ethik – eine eigenständige, auf der jeweiligen ethischen Position (hier die calvinistische, die evangelikale und die katholische Tradition) basierende Soziallehre zu entwickeln. Zwei Beiträge (über die Befreiungstheologie und die Anglikanische Theologie) verdeutlichen, wie sich die Theologie bewusst – im ersten Fall beinahe in missbräuchlicher Weise – eines bestimmten Zweiges der Ökonomie bedient, der auf einer Ethik des Klassenkampfes basiert. Die Fallstudie zum Judaismus wiederum verzichtet gänzlich auf den Anspruch auf relevante ethische Implikationen für eine zeitgenössische normative Sozialtheorie.

In der ersten Fallstudie beschreibt Jacob Neusner das alte judaische System der Mischnah, die eine Theorie der sozialen Ordnung enthielt, deren Regeln eine dem Reich Gottes entsprechende Ordnung sichern sollten. Das wirtschaftliche System basierte auf den mosaischen Schriften und war bestimmt für ein bestimmtes Volk an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Obwohl wir im System der Mischnah die wohl engste Verbindung zwischen Ökonomie und Religion finden, galt es lediglich unter sehr speziellen Bedingungen. Aus diesem Grund können daraus keine Richtlinien für die weltlichen Träger der Wirtschaftspolitik von heute gewonnen werden.

Andrew M. Yuengert untersucht den Umgang der päpstlichen Enzykliken mit ökonomischen Fragen im Bereich der Arbeitsbeziehungen, der Markt-versus-Staat-Diskussion sowie im Zusammenhang mit dem Konsumverhalten. Die traditionelle päpstliche Soziallehre (PSL) steht der neoklassischen Analyse kritisch gegenüber, da dieseungerechtfertigterweise vorgibt, wertfrei zu sein. Die PSL hat eine eigene Auffassung zur Unterscheidung von positiven und normativen Fragen. Im Gegensatz zur vorherrschenden ökonomischen Lehre sind demnach normative Aussagen nicht subjektiv, sondern objektiv und es gibt eine hierarchische Beziehung zwischen dem Positiven und dem Normativen: Das Normative sei dem Positiven vorgelagert und vorrangig. Besonders kritisiert wird der in der Neoklassik vorherrschende Individualismus sowie deren materialistische Ausrichtung. Die PSL hingegen betont die soziale und spirituelle Natur des Menschen. Grundsätzlich werden zwar ökonomische Analysen befürwortet, explizite oder implizite Folgerungen daraus jedoch abgelehnt. Yuengerts Fallstudie trägt zweifellos zum Verständnis des Zugangs der Päpste zur Ökonomik bei, enthält aber nicht wirklich eine Antwort auf die zentrale Frage, die in dem Buch gestellt wird.

A.M.C. Waterman beschäftigt sich mit der Geschichte der Soziallehre der etablierten protestantischen Kirchen in England. Angesichts des Problems der Knappheit and des Bevölkerungsdrucks (das ausführlich von Malthus behandelt wurde) gründeten Mitglieder der Anglikanischen Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine einflussreiche Strömung „christlicher politischer Ökonomie“, eine Synthese aus klassischer politischer Ökonomie und christlicher Theologie. Nach dieser Tradition ist der Marktmechanismus ein höchst effizientes Instrument für die Organisation ökonomischer Aktivitäten zum Zwecke der Wohlstandsvermehrung, und daher auch ein Zeugnis für die Weisheit und Gnade Gottes. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wandten sich im Zuge der romantischen Revolte gegen die politische Ökonomie Teile der etablierten Kirche dem „Christian Socialism“ zu, einer christlichen Form des Sozialismus, die in den Gedanken der anglikanischen Elite bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts weiterleben sollte. Erst nach den beiden Weltkriegen sollte die Kirche ihre feindliche Haltung gegenüber dem marktwirtschaftlichen System langsam beilegen. Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es so etwas wie eine Renaissance der „christlichen politischen Ökonomie“. Ihre methodologische Grundlage bildet die Annahme einer klaren Abgrenzung zwischen theologischem und ökonomischen Wissen, wodurch die Autonomie der beiden Disziplinen gewahrt bleibt. Obwohl Waterman in seinem Artikel auch die positiven Folgen einer Vermengung von Glaube und Ökonomie aufzeigt, bewertet er abschließend die Möglichkeit einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Disziplinen als negativ.

Dass sich die Befreiungstheologie von allen anderen Lehren grundsätzlich unterscheidet, beweist Thomas L. Schubeck in der vierten Fallstudie. Obwohl sie sowohl wirtschaftswissenschaftliche als auch theologische Quellen für ihre Fundierung beansprucht, wird ihre Kombination von Ökonomie und Theologie von fast allen Kommentatoren als unausgeglichen bis inakzeptabel beurteilt. Aus ökonomischer Sicht ist zu bemängeln, dass es offensichtlich sowohl dem theoretischen Hintergrund als auch der empirischen Analyse an Tiefe und Genauigkeit fehlt. Die Befreiungstheologen neigen dazu, sich in allzu stark vereinfachender und moralisierender Weise auf sozialwissenschaftliche Zusammenhänge zu beziehen und machen sich eine spezielle ökonomische Theorie (die Dependenztheorie) für ihre eigenen Zwecke zunutze.

Die Beziehungen zwischen Kuyperianischer Soziallehre und Ökonomie werden von John P. Tiemstra untersucht. Kuyper, ein Mitglied der Niederländischen Reformierten Kirche in der Tradition Calvins, entwickelte eine Theorie der „Bereichssouveränität“, in der Gottes Souveränität in sämtlichen sozialen und kulturellen Bereichen einer Gesellschaft proklamiert und die Verantwortung aller Menschen Gott gegenüber betont wird. Um diese Theorie in die Praxis umzusetzen, sollte jede Konfessionsgemeinschaft ihre eigenen Institutionen (Schulen, politische Parteien, Zeitungen, etc.) haben, sodass auf diesem Weg ihre religiösen Überzeugungen in allen Lebensbereichen bewahrt und verbreitet würden. Für Kuyper war der Calvinismus nicht nur eine Theologie, sondern vielmehr eine allumfassende Lebensphilosophie: Daher sollten auch alle Humanwissenschaften auf religiösen Grundlagen basieren. Zentrale Fragen, die in der kuyperianischen Theorie behandelt werden, sind die Verantwortung des einzelnen Individuums im wirtschaftlichen Leben sowie die Rolle des Staates in der Wirtschaft (z.B. im Zusammenhang mit der Forderung nach mehr Umweltschutz und Sozialhilfe für die Bedürftigen). Auch die Grenzen der traditionellen „Mainstream“-Theorie werden aufgezeigt und diskutiert.

Ökonomie und Evangelikalismus

In der letzten Fallstudie behandelt Kim Hawtrey die Beziehungen zwischen Ökonomie und Evangelikalismus. Ausgehend von den theologischen Unterschieden zwischen den verschiedenen evangelikalen Gruppierungen in verschiedenen Ländern arbeitet er einige Grundüberzeugungen und gemeinsame Themen heraus, die für die „evangelikale normative Ökonomik“ von Interesse sind. Zu Letzteren gehören eine Kritik des freien (uneingeschränkten) Wettbewerbs und des unregulierten Kapitalismus, eine Kritik des übertriebenen Zentralismus, eine biblische Theorie der Arbeit und schließlich der Ruf nach Gerechtigkeit für die Entwicklungsländer. Wie andere Theologen auch diskutieren Evangelikale häufig diverse Grundannahmen der „Mainstream“-Ökonomik. Der Autor vertritt jedoch die Auffassung, all das sei nicht der wichtigste Beitrag der Evangelikalen zur normativen Diskussion. Wichtiger sei vielmehr, die richtigen Fragen zu stellen. Hawtrey beendet seine Studie, indem er seiner persönlichen Überzeugung Ausdruck verleiht, die Hauptaufgabe der Evangelikalen liege nicht im Ökonomisieren, sondern im Evangelisieren, denn „the economic question is not a terribly significantone at the end of the day“ (am Ende der Tage sei die ökonomische Frage von nicht allzu großer Wichtigkeit). Damit stößt er bei einigen Kommentatoren auf Kritik.

Weitere sechs Autoren kommentierten die vorliegenden Fallstudien und sollten beurteilen, ob diese tatsächlich einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisteten, wie sinnvoll eine Kombination von Ökonomie und Religion für eine normative Sozialtheorie sei. Sie fungierten sozusagen als Jury. Das Urteil lautet dreimal „nein“, zweimal „ja“ und einmal unbestimmt, so daß im Endeffekt keine definitive Antwort auf die zentrale Frage des Buches gegeben werden kann. Trotz der Vielfalt der behandelten Fragen gibt es einige zentrale Aussagen, die die Mehrheit der Beitragenden unterschreiben würden. So herrscht etwa weitgehende Übereinstimmung darüber, dass beide Seiten zumindest die grundlegenden Prinzipien und Werkzeuge der jeweils anderen Disziplin kennen und verstehen sollten. Dadurch könnten viele Missverständnisse und falsche Vorurteile ausgeräumt werden. Wenn z.B. Ökonomen behaupten, dass Knappheit der Ausgangspunkt für alles Wirtschaften sei, können Theologen, die diese Aussage ignorieren, in keinen sinnvollen Dialog mit den Ökonomen treten. Ebensowenig wird es einem Ökonomen gelingen, mit einem Theologen über eine (normative) Ethik zu diskutieren, die (die Existenz) Gott(es) ausschließt. Darüber hinaus gibt es sowohl für Theologen als auch für Ökonomen verschiedene Paradigmen, an denen sie festhalten und die für sie meinungsbildend sind – letztlich auch hinsichtlich der Möglichkeiten der Kooperation zwischen den beiden Disziplinen. Insbesondere problematisch finden Ökonomen schließlich auch die Tatsache, dass Theologen meist die unbeabsichtigten Folgen wirtschaftlicher Handlungen außer Acht lassen, die die Entscheidung zwischen verschiedenen Alternativen (z.B. bei der Verteilungspolitik) schwieriger machen als sie auf den ersten Blick erscheinen mögen.

Ungeachtet des offenen Endergebnisses liefern die Beiträge in Summe einen guten Einstieg in jene Probleme, die sowohl Theologen als auch Ökonomen als wichtig für die Beantwortung der Kernfrage erachten. Trotz der großen Heterogenität der Fallstudien und des Verabsäumens einiger Autoren, die von ihnen beschriebenen Theorien zu evaluieren, müssen ihre Bemühungen dennoch als wichtiger Beitrag zur Klärung der Positionen anerkannt werden. Für den Theologen, der Interesse an der Ökonomie hat, als auch für den Ökonomen, der Interesse an der Theologie hat, ist das vorliegende Buch zweifellos lesenswert. Seine Einsichten mögen auch als Ausgangspunkt für eine weitere Kooperation zwischen den beiden Disziplinen dienen sowie als Plädoyer für einen nächsten Band.

Ingeborg Stadler; Universität Graz, i.stadler@surfeu.at

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