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Verantwortung oder Eigeninteresse?

Gemeinwohl kann nicht Selbstzweck sein / Eigeninteresse kann Gemeinwohl fördern

Die Verfolgung des Eigeninteresses wird oft moralisch hinterfragt und kritisiert. Die Medien berichten immer häufiger über unmoralisches Verhalten von Führungskräften in Wirtschaft und Politik, die ihr Eigeninteresse über das Gesamtinteresse stellen. Es gibt einen großen Chor von Befürwortern des Gesamtinteresses. Der Mensch soll nicht an sich selber denken, sondern an die Gesamtgesellschaft. Gefordert wird, nach dem christlichen Postulat der Nächstenliebe auch in der Wirtschaft zu handeln.

Der Mythos des Sozialen hat unsere Gesellschaft durchtränkt wie einst der Mythos des Nationalen insbesondere zu Beginn dieses Jahrhunderts. Trotz der Propaganda zur größeren Solidarität nimmt sie jedoch im individuellen konkreten Handeln ab. Trotz gesetzlich verordneter Solidarität, die sich insbesondere in der Sozialpolitik niederschlägt, vermisst der einzelne Solidarität, klagt und ist unzufrieden. Die wirtschaftliche Situation mit einer hohen Staatsverschuldung und einer seit zwei Jahrzehnten ständig ansteigenden Arbeitslosigkeit verheißt nichts Gutes für die Zukunft staatlichen Sozialpolitik.

Zwei Schulen stehen sich bei der Lösung der gesellschaftlichen Probleme gegenüber: Die eine Schule stellt das Eigeninteresse heraus, fordert mehr Selbstverantwortung und betont den Aspekt der Freiheit des einzelnen, auch gegenüber dem Staat. Die andere Gruppe verlangt Solidarität und fordert unter Hinweis auf die „neue Armut“ weitere soziale Leistungen des Staates.

Adam Smith hat als einer der ersten auf die sozialethische Bedeutung einer Verfolgung des Eigeninteresses hingewiesen. Schon von Bentham stammt das Beispiel, das die wechselseitige Verfolgung des Interesses des anderen zu untragbaren gesellschaftlichen Folgen führt. Er unterstellt den hypothetischen Fall, dass zwei Personen übereinkommen, wechselseitig das Glück des anderen zu ihrem Interesse zu machen. Da keiner sich jedoch ganz in die Lage des anderen hineinversetzen kann und seine wirklichen Bedürfnisse nicht kennt, wird es in einem solchen Fall schnell zu Schwierigkeiten und Spannungen kommen. Das gut gemeinte Ziel einer individuellen Interessenbefriedigung durch den anderen, so Bentham, kann nicht erreicht werden. Der Empfänger der Wohltaten des anderen wird sich missverstanden und „vergewaltigt“ durch den anderen vorkommen, denn jeder Mensch weiß selber am besten, was er bedarf, was er leisten kann, kennt seine Opferbereitschaft zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse.

Der Begriff „Interesse“ ist heute das meist gebrauchte Fremdwort in der deutscher Sprache. Es leitet sich aus dem lateinischen „inter“ und „esse“ ab, was ursprünglich soviel wie „dazwischen sein“ bedeutete. Man kann „interest“ mit „es ist wichtig“ übersetzen. Im frühen Mittelalter wurde der Begriff im Schadensersatzfall verwendet. Das Interesse war als Zuschlag zum Sachwert eine Entschädigung für den Wertverlust, den der Gläubiger durch das Fehlen eines Geldbetrages während eines bestimmten Zeitraums erfuhr. Im Englischen wird diese Bedeutung noch am Wort „interest“ für „Zinsen“ deutlich.

In der frühen Neuzeit bekommt das Wort Interesse die Bedeutung „Nutzen-Vorteil“, insbesondere im Zusammenhang des „Interesses der Staaten“. In neuester Zeit erhält dieses Wort Bedeutungsinhalte wie „Egoismus“ und „Selbstsucht“.

Im Französischen weist Interesse auf die psychische Anteilnahme hin. Interesse hat dort den Wortinhalt einer „zwischenmenschlichen Anteilnahme“. Deutlich wird das an dem französischen Adjektiv „intéressant“, das alles das bezeichnet, was in irgendeiner Weise menschliche Aufmerksamkeit fesselt und beansprucht.

Das Eigeninteresse ist eine unveränderliche Tatsache der Natur und dient der Selbsterhaltung des Menschen. Selbst die Bibel betont, dass der Nächste so zu lieben sei, wie man sich selbst liebt. Der Nächste muss nicht mehr geliebt werden als man sich selbst liebt. Das Eigeninteresse ist Ausgangspunkt sowie Vergleichsnorm menschlichen Verhaltens.

Gemeinwohl kann nicht Selbstzweck sein, sondern ist vielmehr die Summe des Wohls aller einzelnen Bürger: Die menschliche Person steht dabei im Mittelpunkt. Die gesellschaftlichen Institutionen müssen nun so gestaltet werden, dass die Verfolgung des Eigeninteresses das Gemeinwohl auch fördert. In dem Zusammenhang hatten wir im GWE-Mitteilungsblatt auf die Bedeutung des Wettbewerbs und der Freiheit hingewiesen.

Es ist die Pflicht des Menschen, für sich und die Seinen zu sorgen. Die Verfolgung dieses Selbstinteresses muss in einem Rechtsrahmen stehen, so dass die Interessen anderer davon nicht negativ betroffen werden. Verfolgt beispielsweise ein Kaufmann sein Interesse, darf er die Interessen von Kunden und Lieferanten dadurch nicht verletzen. Wenn im beiderseitigen Interesse ein ökonomischer Tausch zustande kommt, stehen sich beide besser: Die Wohlfahrt jedes einzelnen ist erhöht worden und damit auch die Gesamtwohlfahrt.

Menschen, die kein Interesse mehr daran haben, ihre eigene Position durch Leistung zu verbessern, fallen in eine Desinteressiertheit und können letztendlich zu „Schmarotzern“ der Gesellschaft werden. Ludwig Erhard griff diesen Zusammenhang einmal auf: „Nichts ist in der Regel unsozialer als der so genannte ‘Wohlfahrtsstaat’, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung absinken lässt (Die Zeit 15.8.1958).

Notwendig für unsere Gesellschaft ist eine freiheitlichere Rechts- und Gesellschaftsordnung, die es den Menschen ermöglicht, ihr Eigeninteresse so zu verfolgen, dass damit das Gemeinwohl erhöht wird. Bei kollektivistischen Regelungen führt die Verfolgung des Eigeninteresses zu einer Verschlechterung der gesellschaftlichen Situation. Die Sozialversicherung mit ihrer kollektiven Absicherung lädt zum Missbrauch ein. Die Verfolgung des Eigeninteresses, d.h. eine Ausnutzung des sozialen Schutzes führt zur stärkeren Belastung der anderen Gesellschaftsmitglieder. Im wettbewerblichen Austausch würde dieses verhindert werden.

Gesinnungsethisch ist gefordert, bestimmte Bereiche unserer Wirtschaftsordnung verantwortungsethisch auszugestalten, um Missbrauch zu bekämpfen und Eigenanstrengungen zu belohnen. Deshalb ist eine erfolgreiche Wettbewerbspolitik mit der Folge des Erreichens einer Vollbeschäftigung vorzuziehen gegenüber einer überzogen sozialorientierten Politik, die den Schutz der eigenen Interessen gegen ausländische Wettbewerber anstrebt.

Der Premierminister von Singapur meinte einmal, sein Land solle sich davor hüten, das westliche Sozialversicherungssystem zu übernehmen. Die soziale Sicherung geschieht dort in einem höheren Maße durch die Großfamilie. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, dass der Verzicht auf kollektive Absicherung in Ländern wie Singapur in Europa als „Sozialdumping“ kritisiert wird. Die Verfolgung des Eigeninteresse mit falschen Mitteln und unter Nichtbeachtung der ökonomischen Auswirkungen auf unser Land macht es international nur weniger wettbewerbsfähig.

Notwendig ist es, die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung des einzelnen zu stärken. Nur ein freier Mensch, der unter Beachtung der möglichen Konsequenzen seines Tuns selbst entscheiden kann, kann dann auch verantwortlich handeln. Gott hat den Menschen mit Einsicht und Verstand beschenkt. Daher kann er seine Taten beurteilen und dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Zum verantwortlichen Handeln gehört auch die Aufklärung über die Folgen seines Tuns. Notwendig ist daher, ökonomische Zusammenhänge in unserer Gesellschaft wieder verständlich zu machen, so daß der Bürger über die Handlungsfolgen besser informiert ist und damit verantwortlich handeln kann.

Neben dieser verantwortungsethischen Sicht, die gesellschaftliche Konflikte entschärft, muss jedoch auch die gesinnungsethische betont werden. Gerade ein Christ wird durch sein Gewissen gelenkt, seine (Markt)chancen nicht zu Lasten des anderen zu nutzen. Aber auch er muss Interessen verantwortlich wahrnehmen, wie Jesu Gleichnis von den Talenten andeutet.

Literatur:

Forschner, M.: „Verantwortung“, in: Staatslexikon (hrg. von der Görres-Gesellschaft) Band 5, Freiburg, Basel, Wien 1979, 7. Aufl. Sp. 589-593.

Fuchs, Il.-J. und Gerhardt, V.: „Interesse“ in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 4, Basel 1976, Sp. 479-494.

Werner Lachmann

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