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Wie moralisch ist der Wettbewerb?

F. :Ist der Wettbewerb eigentlich nicht unethisch und unchristlich?

A.: Der Wettbewerb ist ein Mittel, das einer Gesellschaft helfen kann, eine größere Bedürfnisbefriedigung ihrer Bevölkerung zu erreichen. Wie jedes Instrument kann es missbraucht werden. Nach dem Sündenfall sind die meisten Gaben Gottes ambivalent, sie können zum Guten und Schlechten gebraucht werden. So wie Liebe missbraucht wird und wir deshalb die Liebe nicht abschaffen, so kann auch Wettbewerb missbraucht werden und sollte dennoch nicht generell als unchristlich und unethisch dargestellt werden. Nicht der Wettbewerb an sich ist unethisch, er kann aber in unmoralischer Weise benutzt werden.

Analysieren wir einen Vernichtungswettbewerb, stellen wir fest, dass er zerstörend wirkt. Darwinistisch gesprochen geht es dann um den "struggle for life". Der Konkurrent wird als Feind angesehen, den man zerstören möchte, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Der Wettbewerb kann aber auch positiv gesehen werden, wenn er anhand akzeptierter Regeln erfolgt, wie wir das aus dem Sport kennen. Jedoch sind auch im Sport oft Regelverletzungen zu beobachten. So wie im Sport nun ein Schiedsrichter den Wettkampf überwachen muss, so muss in einer Marktwirtschaft eine Instanz vorhanden sein, die den wirtschaftlichen Wettkampf überwacht. Dies ist die Aufgabe des Staates, der mit Hilfe der Wettbewerbspolitik dafür zu sorgen hat, dass der Wettbewerb fair erfolgt. Selbst die Ergebnisse des Wettbewerbs müssen korrigiert werden. Zu jedem fairen Wettbewerb gehört, dass die Partner gleich stark sind. Demzufolge muß der Staat Machtanballungen verhindern, wozu beispielsweise die Fusionskontrolle und die Kartellpolitik gehören. Wirtschaftspartner dürfen ihre Wettbewerbsposition nicht ausnutzen. Daher gibt es im Wettbewerbsrecht die Möglichkeit der Mißbrauchskontrolle (Mißbrauchsaufsicht über marktbeherrschende Unternehmen).

F.: Führt ein Wettbewerb nicht zu Neid und fördert er nicht die unmoralischen Instinkte der Menschen?

A.: Nein, im Gegenteil. Der Wettbewerb ist ein Instrument zur Disziplinierung menschlicher Leidenschaften. In einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit funktionierendem Wettbewerb kann auch der Selbstsüchtigste nur dann seine Ziele erreichen, wenn er auf die Wünsche des Tauschpartners eingeht und ihm zu dienen vorgibt. In einer Marktwirtschaft kommt ein Tausch nur als freiwilliger Tausch zustande, wenn sich beide Tauschpartner von ihm also einen Vorteil versprechen. Selbst wenn die Motive der Tauschpartner selbstsüchtig sind, können sie sich auf dem Markt nur auswirken, wenn die Selbstsucht dem Nächsten dient. Nach Keynes ist der Wettkampf um das höchste Bankkonto der harmloseste Wettkampf, der für eine Gesellschaft positive Folgen hat. Wer ein hohes Bankkonto will, kann dieses Ziel bei funktionierendem Wettbewerb nur erreichen, wenn er bessere Qualität oder einen günstigeren Preis bei gleicher Qualität anbietet. Er muss sich um den Kunden bemühen, seine Probleme lösen und helfen, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die egoistische Leidenschaft wird im Sinn der praktizierten Nächstenliebe diszipliniert. Aus dem leidenschaftlichen Kampf aller gegen alle (Hobbes) wird ein geregelter Wettbewerb.

F.: Ist die Wettbewerbshaltung nicht doch moralisch zu verurteilen?

A.: In gewisser Weise schon. Wenn wir gesinnungsethisch argumentieren, dann ist die Motivation des Tauschpartners zu beklagen. Jedoch müssen wir im Wirtschaftsleben von den Realitäten ausgehen. Ein Wirtschaftssystem ist nur dann funktionsfähig, wenn es nicht an den Menschen vorbeigeht. Damit kommen wir zur verantwortungsethischen Betrachtungsweise. Schauen wir uns das Ergebnis eines Wettbewerbs im Rahmen einer funktionierenden Wettbewerbsordnung an, so stellen wir fest, dass die Bedürfnisse der Menschen bestmöglich befriedigt werden. Wettbewerbsgesellschaften zeichnen sich durch hohe Dynamik, eine hohe Güterversorgung usw. aus. Vom Ergebnis her betrachtet ist der Wettbewerb eine Notlösung, um den nicht so guten Menschen zu praktischen Dienstleistungen am Nächsten zu disziplinieren.

F.: Führt Wettbewerb nicht zu Machtmißbrauch?

A.: Die Ordo-Liberalen haben darauf hingewiesen, dass der Wettbewerb das großartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte ist. Errungene Machtpositionen werden immer wieder bedroht, dem Kunden eröffnen sich bei Anbieter-Wettbewerb stets Alternativen. Bei fehlendem Wettbewerb bin ich auf denjenigen angewiesen, der knappe Güter zuteilt. In jeder Gesellschaft stellt sich heraus, daß einige begabter sind als andere, Vorteile besser nutzen können als andere. Selbst wenn sich im Wirtschaftsleben dadurch Marktmacht ergibt, ist diese Macht durch die Wettbewerber, die ihn herausfordern und übertreffen wollen, immer gefährdet.

Hat ein Bürokrat eine bestimmte Position erreicht, kann er nicht ohne weiteres von dieser Position entfernt werden. Viele Menschen sind in Behörden bestimmten Beamten ausgeliefert. Es gibt keine Ausweichmöglichkeit, so wird der Freiraum eingeengt. Genau dieses vermeidet der Wettbewerb. Ist einer unzufrieden mit seinen Tauschpartnern, kann er die bestmögliche Alternative suchen. Im Wettbewerbsprozess ist der Mensch frei.

F.: Führt der Wettbewerb nicht zu ungleichen Einkommen?

A.: Natürlich. Aber es handelt sich dabei immer um Leistungseinkommen. Nicht-wettbewerbliches Einkommen muß als Diebstahl angesehen werden, da anderen Menschen etwas gegeben wird, was sie sich nicht verdient haben. In einem Wettbewerbsprozess ist das Einkommen immer durch Leistung verdient (bei funktionierendem Wettbewerb!). Jetzt ergibt sich aber das Problem, dass einige Mitmenschen nicht wettbewerbsfähig sind. Diesen muß außerhalb des Marktprozesses mit sozialpolitischen Mitteln geholfen werden. Der Wettbewerb zeigt aber jedem Menschen seine Wettbewerbsfähigkeit, gibt ihm den richtigen Einblick in seine ökonomische Leistungsfähigkeit. Über Leben und Tod darf er allerdings nicht entscheiden.

Betrachten wir die Alternative des Wettbewerbs, so stellen wir fest, dass die persönliche Freiheit geringer und die wirtschaftliche Versorgung schlechter sind.

F.: Kann also ein Christ den Wettbewerb bejahen?

A.: Ja. Der Wettbewerb ist die Notordnung für eine sündige Welt. Man kann hierbei vielleicht ein wenig ein christliches Gedankenmuster erkennen. Gott kümmert sich oft um das Schwache, dem Demütigen gibt er Gnade, dem Hochmütigen widersteht er. Nicht-wettbewerbliche Ansätze haben oft den Charakter des Edlen. Wettbewerb und Marktmechanismus werden oft als gering angesehen, als nicht ehrenvoll. Und dies ist die Überraschung: Nicht das Tugendhafte, das Ehrenvolle und von allen Bejubelte bringt Wohlstand, schafft Energien, sondern das Verachtete und Unscheinbare, das Eigeninteresse des Menschen im Wettbewerbsprozess führt zu hohem ökonomischen Wohlstand. Wer hätte je gedacht, daß dort die Juwelen liegen? Wer hätte gedacht, dass hier der Motor wirtschaftlicher Entwicklung zu finden ist? Es ist interessant, dass alle anderen Ansätze bisher in dieser Welt historisch gescheitert sind.

Für unmoralisches Handeln bleibt auch im Wettbewerb viel Raum. Der Wettbewerb verspricht nicht, die Menschen von ihrer Sünde zu reinigen. Er anerkennt und berücksichtigt sogar die moralischen Mängel des Menschen und arbeitet darauf hin, diesen Mangel umzubiegen in gesellschaftlich positive Ergebnisse. Die unmoralischen Motive werden nicht nach außen geleitet, sie mögen innerlich vorhanden sein, aber es wird verhindert, daß sie nach außen negativ wirken können.

F.: Zerstört der Wettbewerb nicht die ethische Substanz in unserer Gesellschaft, wie einige meinen?

A.: Im Gegenteil, wo häufige Marktkontakte stattfinden, werden ethische Werte bewahrt. Ein Kaufmann, der betrügt, verliert seine Kunden. Ein Käufer, der nicht bezahlt, wird nicht mehr bedient. Der Wettbewerbsprozess bewahrt ein Mindestmaß an Ethik, Ehrlichkeit, Vertragstreue. Erheblich gravierender ist die moralische Gefährdung

im Nicht-Wettbewerbsbereich. Korruptionsskandale haben wir im bürokratisch-politischen Bereich und bei den großen Konzernen, die Macht ausüben können. Ein funktionierender Wettbewerbsprozess bewahrt die Moral in einer Gesellschaft, ist aber auch auf eine Minimoral angewiesen. Er funktioniert besser, wenn ?jenseits von Angebot und Nachfrage? (Röpke) in der Bevölkerung schon ein hohes Ethos vorhanden ist. Die Erfahrung lehrt, dass außerhalb des Marktprozesses die Moral einer Gesellschaft in viel höheren Maße gefährdet wird als im Wettbewerb.

F.: Widerspricht der Wettbewerb nicht der Solidarität?

A.: Solidarität ist heute zu einem Modewort geworden. Es wird auch dort verwendet, wo Solidarität nicht möglich ist. Manchmal spricht man sogar von einer weltweiten Solidarität. Solidarität ist im eigentlichen nur in einer kleinen vertrauten Gemeinschaft möglich. Es gehört zur Natur des Menschen, dass er Solidarität, also die Hilfeleistung des anderen ausnutzt. Soweit gesellschaftliche Kontakte bestehen und gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden kann, lässt es sich erreichen, dass jedes Mitglied einer Solidargruppe seinen Solidaritätsbeitrag leistet. In Nationen mit Millionen an Mitgliedern gibt es keine gesellschaftlichen Sanktionen, wenn Solidarität ausgenutzt wird. Echte Solidarität muss demzufolge mit anderen Mitteln erreicht werden.

Es lässt sich somit behaupten, dass Wettbewerb die beste Solidarität darstellt. Jeder ist gefordert, seinen Solidarbeitrag im wettbewerblichen Tausch zu bringen. Keiner kann die Solidarität ausnutzen, da ihn ein Mitbewerber entlarvt, wenn er seinen fairen Beitrag nicht leistet. Reine Solidargemeinschaften, die in kollektivistischen Ordnungen zu finden sind, werden oft ausgenutzt. Diese Ausnutzung der Solidarität ist im eigentlichen Sinn unsolidarisch und unmoralisch, jedoch aber menschlich. Von daher gehört es zum Prinzip der Subsidiarität, dass die wirtschaftlichen Dinge in einer freien Gesellschaft über den Wettbewerb geordnet werden und nur den Nichtleistungsfähigen ein Einkommen ermöglicht wird, das ihnen in dieser Gesellschaft die Möglichkeit gibt, in Würde sein Leben zu fristen. Nur Bereiche, die nicht wettbewerblich zu ordnen sind, bedürfen kollektiver Regelungen, die sorgfältig nach Missbrauchsmöglichkeiten abzuklopfen sind.

Werner Lachmann

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