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Wirtschaftsethik, Umweltbewusstsein und -politik

Plädoyer für eine marktwirtschaftliche Lösung. Die Rolle der Ethik.

Der Ausgang der Bundestagswahl hat in Kreisen der Wirtschaft zu einer Neubelebung der Umweltdiskussion geführt. Wenngleich die Umweltdiskussion gegenwärtig (noch) nicht so schrill geführt wird wie noch vor einem Jahrzehnt, wird dem Umweltschutz auf der wirtschaftspolitischen Agenda eine hohe Priorität eingeräumt. Auf der Suche nach den Schuldigen für Umweltzerstörungen und fehlende politische Lösungen wird oft dem Christentum, das seinen Kulturauftrag aus dem Alten Testament ableitet, der Vorwurf gemacht, es habe zu einer Haltung beigetragen, die der Natur den ge-bührenden Platz verweigere. Diese Kritik ist zu hinterfragen. Es geht heute um die Überlebensfähigkeit der Menschheit. So muss untersucht werden, was Demokratie und Marktwirtschaft für die Umwelt leisten können und inwieweit auch die Bibel den Menschen eine Verantwortung für die Natur auferlegt.

Zuerst wollen wir einige Umweltprobleme kurz darstellen, dann sollen Aspekte für eine Haushalterschaft gegenüber der Schöpfung aufgezeigt werden. Danach muss gefragt werden, wie wirksamer Umweltschutz durchgesetzt werden kann. In diesem Zusammenhang muss auf das Verhältnis von Verantwortung und gesellschaftlichen Regeln eingegangen werden. Erfolgreiche Wirtschaftspolitik muss immer ursachenadäquat durchgeführt werden. Daher ist auf die Ursachen des Umweltproblems und auf die Möglichkeiten marktwirtschaftlicher Umweltpolitik einzugehen. Abschließend soll aus individualethischer Sicht der Beitrag des Christentums noch einmal pointiert dargestellt werden.

  1. Noch keine Entschärfung der globalen Umweltproblematik

Bei einem Wirtschaftswachstum von 2 %, wie in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts im Durchschnitt auf der Welt zu beobachten war, verdoppelt sich innerhalb von 35 Jahren das Weltsozialprodukt. Werden Wachstumsraten von 3 % erreicht, wie in den 80er Jahren, dann werden wir im Durchschnitt in der Welt in ca. 22 1/2 Jahren eine Verdoppelung des Bruttosozialprodukts erleben. Dies hieße, dass die Weltbevölkerung im Jahre 2033 bzw. 2024 doppelt so reich geworden sein wird, das doppelte Volkseinkommen zur Verfügung haben wird als zur Zeit. Mit dem Bruttosozialprodukt steigt auch der Bruttosozialabfall. Während die Industriestaaten das nationale Umweltproblem in den Griff zu bekommen scheinen, sind die meisten Entwicklungsländer umweltpolitisch überfordert. Dazu ergeben sich noch die globalen Umweltprobleme (Klimaveränderung, Ozonloch).

Die Luftverschmutzung in den meisten Städten dieser Welt nimmt zu, die tropischen Regenwälder werden jährlich weiterhin in einem hohen Maße dezimiert, das Trinkwasserproblem ist in vielen Teilen dieser Welt zu einer Überlebensfrage geworden.

Man muss nicht nur an die Tragödie des Aral-Sees erinnern, an die abnehmenden Erträge der Fischerei, die Erschöpfung von Grundwasservorkommen und die Überbeanspruchung nicht-regenerierbarer Ressourcen, um die Notwendigkeit des umweltpolitischen Gegensteuerns zu verstehen. Fehlende Kanalisationssysteme und Müllbeseitigungssysteme bringen Seuchengefährdungen hervor, das Grundwasser wird vermehrt verschmutzt, die beobachtete Bodenverschlechterung kann zu langfristigen Ernährungsproblemen führen, wenn erschöpfte Böden nicht rekultiviert werden. Die starken Abholzungen haben Kulturland gefährdet. Erinnert sei an die Hochwasser in Europa oder auch in Asien. Moralische Appelle haben und können wenig zur Überwindung des Umweltproblems beitragen. Wir haben zu fragen, wie man der globalen Umweltkatastrophe entrinnen kann.

  1. Verantwortung für die Schöpfung

In 1. Mose 1, 28 heißt es: „Gott segnete (den Menschen) und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Hieraus wird oft geschlossen, dass der Mensch über die Schöpfung zu herrschen habe. Auch die hebräischen Wörter, die an dieser Stelle im Urtext benutzt werden, drücken ein Herrschen und Unterwerfen aus. Auch im Bund Gottes mit Noah sagt Gott, dass alles in die Hände der Menschen gegeben sei. Gott hat den Menschen die Herrschaft über diese Welt anvertraut, diese Herrschaft bedeutet aber auch Verantwortung übernehmen. Verantwortung beinhaltet jemanden, vor dem man sich verantworten muss. Nach biblischen Denken bleibt Gott der Herr der Welt, er hat sie den Menschen nur zur Nutzung überantwortet. Aus dem Gedanken der Verantwortung folgt die Konzeption der Haushalterschaft, die der Mensch auch gegenüber der Natur auszuüben hat.

Nach biblischer Lehre ist die Natur nicht nur für den Menschen gemacht, die Schöpfung hat auch einen Wert an sich, sie ist zum Lobe des Schöpfers gedacht. Gleichzeitig soll die Schöpfung vom Menschen genutzt werden, nicht in endgültiger Eigentümerschaft, sondern als Haushalterschaft. Dies bedeutet, dass der Mensch für die Nutzung der Schöpfung verantwortlich ist, insbesondere, dass auch zukünftige Generationen noch Ressourcen der Schöpfung zur Verfügung haben sollen.

  1. Die Bedeutung von Regeln und Handlungen

In der Wirtschaftsethik wird zwischen den einzelnen Handlungen unterschieden und den Rahmenbedingungen, unter denen der Betreffende seine Handlungen durchzuführen hat. Beides, die Regeln und die Handlungen unterliegen einem ethischen Auftrag. Es ist notwendig, den Entscheidungsprozess der Handelnden zu verstehen. Er wird durch drei Bereiche beeinflusst.

Die persönlichen Überzeugungen (Ideologie) sind für Entscheidungen wichtig,
die Informationen, die dem Betreffenden über diese Situation, in der er zu entscheiden hat, zur Verfügung stehen,
das Anreizsystem, dem sich der Entscheidungsträger gegenüber gestellt sieht.  

Umweltethik muss auf allen drei Ebenen ansetzen. Auf der einen Seite muss das Gewissen der einzelnen angesprochen werden. Wie die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, ist es durch Information möglich, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Menschen handeln neben ideologischen Vorurteilen anreizorientiert. Daher ist es notwendig, eine effektive Umweltpolitik zu betreiben.

In der wirtschaftsethischen Literatur wird oft von Regeln und Spiel-zügen gesprochen. (Homann). Bei den Spielzügen verhält sich der einzelne in einer bestimmen Situation nach Regeln und strebt, zumindestens meistens, nach seinem eigenen Vorteil. Auf die Bedeutung der Beeinflussung des einzelnen bezüglich seiner Rangordnung von wirtschaftspolitischen Zielen werden wir in Abschnitt 7 zu sprechen kommen. Vorerst muss geklärt werden, wie umweltpolitische Informationen und Anreize so gesetzt werden können, dass der einzelne sich umweltethisch verhält.

  1. Voraussetzungen für verantwortliches Handeln: Die Rolle der Eigentumsrechte

Verantwortlich kann ein Mensch nur handeln, wenn er über gewisse Rechte verfügt, wenn er in seinem Handeln frei ist und über die Konsequenzen seines Handelns informiert ist. Von daher werden Rahmenbedingungen zu besseren ethischen und ökonomischen Ergebnissen führen, wenn das Gut, auf das sich die Entscheidung des einzelnen konzentriert, Eigentumsrechte beinhaltet. Ein funktionierendes System von Eigentumsrechten, das auch den biblischen Forderungen der Haushalterschaft genügt, muss jedoch folgende drei Gestaltungsmerkmale aufweisen, um wirksam zu sein:

Exklusivität,
Haftung,
Transfermöglichkeit der Eigentumsrechte.

Abgesehen vom ideologischen Vorurteil benötigt der Entscheider Informationen. Es stellt sich die Frage, wie er umweltethisch wichtige Informationen erhalten kann. Woher weiß er, inwieweit sein Verhalten die Umwelt und andere Menschen schädigt? Woher bekommt er die Anreize, sich so zu verhalten, dass in seinem wirtschaftlichen Verhalten er die Umwelt so wenig wie möglich schädigt?

Es ist allgemein bekannt, dass private Eigentumsrechte zur Verantwortung erziehen. Geht ein Eigentümer mit seinem Vermögen unökonomisch um, erleidet er einen Verlust. Er hat mit seinem Vermögen für seine falschen Entscheidungen gerade zu stehen. Setzt sich jemand mit seinem Vermögen für die Umwelt ein, dann muss er daraus einen Vorteil ziehen können. Dann ist der Anreiz für eine langfristige Nutzung im ethischen und ökonomischen Sinn (sustainability) gegeben.

Nur wenn ein Eigentümer das exklusive Recht über sein Eigentum hat, kann er verhindern, dass andere Umweltschäden bei seinem Vermögen hervorrufen. Insbesondere freie Güter werden von allen Menschen genutzt, aber kaum geschützt. Tiere sind ausgestorben, weil sie bejagbar waren, und oft Eigentumsrechte nicht am lebenden Wild durchgesetzt wurden, höchstens am erlegten Tier.

Hill erzählt ein interessantes Beispiel aus dem amerikanischen Umweltschutz. Eine Frau Rosalie Edge setzte sich für das Überleben von Raubvögeln in den USA ein. Die amerikanische Audubon Association schützte nur Singvögel und jagbare Tiere; Raubtiere und Raubvögel wurden nicht als schützenswert angesehen. Ihre Versuche, die Mitmenschen zu überzeugen, dass auch Raubtiere geschützt werden müssen, verhallten. In einem demokratischen Prozeß hätte sie sich nicht durchsetzen können. Hill berichtet, dass insbesondere in den Hawk Mountain die Jäger Habichte, Falken, Fischadler und Adler in so hoher Weise abschossen, dass ihre Überlebensfähigkeit nicht mehr gesichert war. Insbesondere auf der Vogelrute zu den Appalachean machten sie dort Rast. Die Jäger nutzten dies zu einer wilden Abknallerei von Raubvögeln aus.

Alle Möglichkeiten, das Gewissen der Bevölkerung und die der Jäger zu erreichen, scheiterte. Schließlich versuchte sie, diesen Berg zu kaufen. Die Audubon Association lehnte ihren Vorschlag ab. Ihr gelang es dann, Eigentumsrechte am Hawk Mountain zu erwerben. Da sie jetzt als Eigentümerin die exklusiven Rechte an der Nutzung dieses Berges hatte, konnte sie das Jagdverbot für Raubvögel durchsetzen. In diesem Fall hatte sie nicht die gesamte Bevölkerung oder die Jäger zu überzeugen, sondern nur den Eigentümer dieses Berges, der ihn ihr verkaufte.

Was in einem demokratischen Prozeß nicht möglich gewesen wäre, erlaubt ein System von privaten Eigentumsrechten. Das Eigentum an diesem Berg konnte an sie transferiert werden. Sie hatte die Verantwortung und das ausschließliche Recht der Nutzung an diesem Berg und konnte demzufolge in Weitsicht etwas für den Schutz der gefährdeten Raubvögel tun. Heute wird sie für ihre Weitsicht gelobt. Immerhin hatte sie es schon in den 20er Jahren erreicht, dass dieser Berg zu einem Naturschutzgebiet wurde, obgleich in privater Trägerschaft.

Auch der Staat als Eigentümer versagt oft im Umweltschutz. Die Abholzquoten in den tropischen Regenwäldern, wo meist der Staat Eigentumsrechte hat und sie an Nutzer transferiert, oder auch in staatlichen amerikanischen Naturschutzgebieten, sind weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. Hill berichtet, dass bei der amerikanischen Waldbewirtschaftung aus ökonomischer Sicht der Erwerb von 7 Cent dem Steuerzahler einen Dollar Kosten verursacht. Weil nicht Private, sondern der Steuerzahler (also die gesamte Gemeinschaft) haften, wird mit Vermögen nicht ökonomisch umgegangen.

Auch aus biblischer Sicht ist gegen die Forderung nach privaten Eigentumsrechten zur optimalen Nutzung der Natur nichts einzuwenden. Im Gegenteil, um in einer Gesellschaft den bestmöglichen Ressourcenschutz zu erhalten, müssen an natürlichen Ressourcen private Eigentumsrechte geschaffen werden. Zwar ist es ohne weiteres möglich, dass auch private Eigentümer ihr Vermögen nicht langfristig schützen. Sie haben dadurch aber einen Vermögensverlust. Sie haften für ihre kurzfristige Entscheidung. Bemühen sie sich um eine langfristige Entscheidung, werden sie auch für zukünftige Generationen Ressourcen zur Verfügung stellen. Ihre langfristige Entscheidung bringt ihnen langfristig einen Vermögenszuwachs. Sollten Dritte eine bessere Nutzung für das Vermögen kennen als der Eigentümer, so werden sie versuchen, ihm das Eigentum abzukaufen, wodurch dann gesamtgesellschaftlich gesehen eine optimale Nutzung der natürlichen Ressourcen möglich ist.

Es hat sich geschichtlich gezeigt, dass zumindestens für große Gesellschaften private Eigentumsrechte nicht nur die beste ökonomische Nutzung, sondern auch die beste ökologische Nutzung garantieren. Staatseigentum wird oft ökologisch missbraucht und wenig gepflegt; das gleiche gilt für das Gemeineigentum, die Almende, die häufig zu einer Übernutzung führten. Es ist aus afrikanischen Ländern bekannt, dass die freie Nutzung der Natur zu einer Überweidung führt mit der Folge einer Auslaugung der Böden und weiteren ökologischen Krisen.

  1. Ursachen für die Entstehung des Umweltproblems

In der Volkswirtschaftslehre wird darauf hingewiesen, dass Probleme langfristig nur ursachenadäquat gelöst werden können. Nicht an den Symptomen, wie es die Politik häufig vorzieht, sondern an den Ursachen muss gearbeitet werden, um unerwünschte wirtschaftliche Probleme zu beseitigen. Dies gilt nicht nur für das Problem der Inflation oder der Arbeitslosigkeit, sondern auch für den Bereich des Umweltschutzes. So müssen wir uns fragen, worauf das Umweltproblem zurückzuführen ist. Die ökonomische Theorie hat hier die folgenden Antworten:

Die Umwelt als freies Gut

Lange Zeit waren Umweltressourcen in einem höheren Maße vorhanden als der Mensch sie nutzen konnte. In ökonomischer Sprechweise: Das Angebot überstieg die Nachfrage. Das betrachtete Gut ist im Überfluss vorhanden, so dass jederzeit jede Nachfrage gedeckt werden kann. In einem solchen Fall ergibt sich ein Preis von Null. Besondere Verfügungsrechte müssen in diesem Fall in einer Gesellschaft nicht definiert werden.

Für solche freien Güter sind keine Eigentumsrechte notwendig. Die Tatsache des freien Gutes führt jedoch dazu, dass alle Nutzer dieses Gut bis zur Sättigungsmenge nutzen können und gegebenenfalls damit nicht verantwortlich umgehen. Dennoch ist hier keine ethische Kritik möglich, denn die freie Nutzung des Gutes führt zunächst zu keiner Schädigung anderer, da das Angebot ja zu diesem Zeitpunkt die Nachfrage übersteigt.

Weil die Umwelt als freies Gut galt, hat sich das juristische System nicht um die Definition von Eigentumsrechten gekümmert. Heute ist die Umwelt kein freies Gut mehr. Die Nachfrage ist höher als das Angebot. Dennoch kann in sehr vielen Bereichen die Umwelt „kostenlos“ genutzt werden, weil sie juristisch noch als freies Gut zählt. Gewisse Lärmemissionen, bestimmte Schadstoffemissionen, Nutzung von Wasser, Straßen usw. unterliegen keinem marktwirtschaftlichen Preis, gebildet aus Angebot und Nachfrage. Somit kam es und kommt es zu einer Übernutzung der Natur.

Die Natur als öffentliches Gut

Eigentumsrechte lassen sich verhältnismäßig leicht bei privaten Gütern durchsetzen. Private Güter sind dadurch gekennzeichnet, dass die Nutzung exklusiv erfolgt und Fremde von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Ein Glas Orangensaft kann nur einer trinken, andere sind von der Nutzung ausgeschlossen. Der Eigentümer dieses Glases Orangensaft kann alle anderen vom Trinken seines Saftes ausschließen. Hat er das Recht, die Eigentumsrechte an einem Glas Orangensaft an andere zu vergeben, dann kann in einem Marktprozess derjenige dieses Glas Orangensaft ersteigern, für den es den größten Nutzen bringt. Freilich liegt nicht bei allen Gütern Rivalität beim Konsum und die Möglichkeit des Ausschließens vor. Beispielsweise kann bei einem Konzert die Musik von mehreren gehört werden, ohne dass der andere einen geringeren Nutzen hat. Es liegt keine Rivalität vor; aber es besteht die Möglichkeit des Ausschließens. Wer das Eintrittsgeld nicht bezahlt, hat keine Möglichkeit, das Konzert zu besuchen. In einem solchen Fall spricht man von einem Clubgut.

Liegt keine Ausschlussmöglichkeit vor und ist Rivalität gegeben, sprechen wir von Almende-Gütern. Bei solchen Gütern, bei denen weder Rivalität noch Ausschluss möglich ist, sprechen wir von reinen öffentlichen Gütern. Bestimmte Bereiche der Natur haben diesen Charakter des reinen öffentlichen Gutes. Bei öffentlichen Gütern möchte jeder nutzen, keiner aber den Preis bezahlen, der seiner wirklichen Wertschätzung dieses Gutes entspricht.

Während beim Feilschen über den Preis eines Autos der Käufer weiß, dass er den Wagen nur erhalten kann, wenn er den dazu gehörigen Preis zahlt, liegen bei öffentlichen Gütern die Anreize anders. Beim Wagen hat er das exklusive Recht an der Nutzung und kann andere ausschließen, gleichzeitig ist Rivalität gegeben, da nicht mehrere gleichzeitig das Kraftfahrzeug benutzen können. Beim Bau einer Brücke, eines Naturschutzgebietes oder eines Parkes werden mehrere den Nutzen haben. Wird jemand einen größeren Beitrag leisten, kann er andere nicht an der Nutzung ausschließen. Es kommt zum sogenannten Trittbrettfahrerverhalten. Von daher ist es schwierig, Umweltschutz als privates Gut anzubieten.

Externe Effekte

Verbunden mit dem Problem des öffentlichen Gutes ist das der externen Effekte. Externe Effekte liegen dann vor, wenn Dritte bei Kauf, Konsum- oder Produktionsentscheidungen negativ betroffen werden, ohne dass sie dafür pekuniäre Kompensation erhalten. Positive externe Effekte liegen beispielsweise bei Impfungen vor. Übernehme ich die Kosten der Impfung, kann ich andere nicht anstecken und erspare ihnen damit zusätzliche gesundheitliche Ausgaben. Diese positiven externen Effekte führen dazu, dass der Staat für bestimmte Krankheiten, die sich seuchenartig ausbreiten, die Impfkosten übernimmt, da der einzelne an den Impfkosten spart, aber dadurch einen höheren Schaden für die Gesamtgesellschaft hervorrufen kann als seine Ersparnis ausmacht. Negative externe Effekte liegen im Umweltbereich vor. Produziert einer umweltschädlich, haben Dritte Kosten zu übernehmen, die der einzelne Produzent in seiner Gewinn- und Verlustrechnung nicht aufzuweisen hat. Die Produktion wird in privater Regie über das sozialoptimale Maß ausgedehnt.

Damit kommen wir zu den marktwirtschaftlichen Möglichkeiten des Umweltschutzes.

  1. Marktwirtschaftlicher Umweltschutz

Umweltschutz kann über Gebote und Auflagen, also nach polizeirechtlichen Mitteln durchgeführt werden. In der Tat wird in den meisten Ländern Umweltschutz auf diese Art durchgesetzt, weil hier das umweltpolitische Engagement der Regierungen leicht aufgezeigt werden kann. Dennoch ist heute bekannt, dass Umweltschutz über Gebote und Verbote teurer ist als über marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen. Zu den marktwirtschaftlichen Instrumenten des Umweltschutzes gehören:

Preislösungen wie Öko-Steuern und Umweltabgaben,
Mengenlösungen wie Zertifikate und Umweltlizenzen. 

Die Preislösung versucht, über eine Abgabe oder Steuer die externen Effekte zu internalisieren. Der Nutzer der Umwelt muss für seine Entscheidungen haften. Er bezahlt die Umweltnutzung durch die Abgabe. Hiermit wäre auch der juristischen Forderung Rechnung getragen, dass der Urheber für einen Schaden zu haften hat. Dies wäre u.a. Umweltschutz nach dem Verursacherprinzip.

Eine solche Lösung ist ökonomisch effizient. Es ergibt sich jedoch ein Problem: Die Höhe der notwendigen Umweltabgabe für die Nutzung einer bestimmten Ressource lässt sich nicht ohne weiteres ermitteln. Die Steuer kann zu niedrig oder zu hoch ausgewiesen werden. Im politischen Prozess ist es zudem sehr schwierig, hohe Abgaben durchzusetzen, weil diejenigen, die die Abgaben zu tragen haben, sich politisch für niedrige Sätze einsetzen.

Außerdem ist die Reaktionsfunktion der einzelnen Anbieter und Nachfrager von Umweltressourcen nicht bekannt. Deshalb empfiehlt sich aus ökologischer Sicht die Mengenlösung. Die Mengenlösung sieht vor, dass nur die Menge an Umweltressourcen den Bürgern zur Verfügung gestellt wird, die nicht mehr umweltschädigend wirkt. Die assimilative Kapazität der Natur wird ausgenutzt. Jeder, der die Umwelt nutzen möchte, muss demzufolge ein Eigentumsrecht an der Nutzung dieser Umwelt erwerben. Diese können Lizenzen oder Zertifikate genannt und in unterschiedlicher Weise verteilt werden. Eine ideale Weise wäre, in einem marktwirtschaftlichen Prozeß an einer Börse für einen bestimmen Zeitraum die Nutzung der Natur zu versteigern. Derjenige bekommt dann ein Nutzungsrecht für die Umwelt, der den höchsten Preis dafür zu bezahlen bereit ist, weil er davon den größten Nutzen hat. Nach dem biblischen Prinzip der Verantwortung und der Haushalterschaft wird der Betreffende zur Haftung aufgefordert. Er muss für die Nutzung der Natur mit seinem Einkommen eintreten, er hat einen hohen Preis zu bezahlen. Der Preis ist eine Quasi-Bestrafung dafür, dass er die Nutzung will und sie anderen vorenthält, denen (aus welchen Gründen auch immer) die Nutzung der Umwelt nicht möglich war oder die nicht eine solche hohe Priorität bei dieser Nutzung haben.

Die Eigentumsrechte sind transferierbar, sie schließen andere aus und zwingen den Eigentümer, mit seinem Privatvermögen zu haften. Demzufolge wird jeder bemüht sein, die Umwelt so wenig wie möglich langfristig schädlich zu nutzen, um seine Eigentumsrechte zu wahren.

Was ist das Ergebnis dieser eigentumsrechtlichen Lösung? Auch diese Lösung ist ökonomisch effizient. Es gibt keine Verzerrungen im Spiel von Angebot und Nachfrage. Gleichzeitig wird das ökologische Ziel voll erreicht, da nur diejeni-gen Mengen angeboten werden, die nicht die Umwelt schädigen.

Oft wird vorgetragen, dass Firmen und große Konzerne alle Eigentumsrechte aufkaufen würden, so dass andere Firmen keine Möglichkeit mehr hätten, Umweltnutzung zu kaufen. Dieses Argument halte ich für absurd: Genauso könnte jemand behaupten, dass ein Konzern alle Arbeitnehmer einstelle, so dass die Konkurrenz keine Arbeiter mehr zur Verfügung hätte und demzufolge die Produktion einstellen müsse.

Welche Vorteile ergeben sich durch die marktliche Lösung im Vergleich zu Geboten und Verboten? Aus juristischer Sicht sind nur solche Gebote und Verbote durchsetzbar, die auch technisch möglich sind. Die staatliche Umweltregulierungsbehörde hat jedoch nicht die notwendigen Informationen darüber, was technisch bei der Produktion machbar ist. Unternehmen haben bei Auflagenlösungen einen Anreiz, die umweltpolitischen Maßnahmen als technisch nicht möglich zu bezeichnen. Es ist damit zu rechnen, dass der Umweltschutz nicht in dem Maße durchgeführt wird, wie bei der Verwendung von Zertifikaten oder Umweltlizenzen. Außerdem hat ein Unternehmen bei Auflagen einen internen Anreiz, im politischen Prozess die Auflagen niedrig festzulegen. Oft wird die Frage vorgeschoben: Wollt ihr Umweltschutz oder Arbeitsplätze?

Bei der Zertifikatslösung bedeutet Umweltnutzung einen Kostenfaktor, der aus der Bilanz der Unternehmung und ihrer Gewinn- und Verlustrechnung ersichtlich ist. Aktionäre werden fragen, warum habt ihr einen so hohen Bilanzposten Umweltnutzung? Kann man in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht eine Reduzierung erreichen? Während es bei der Auflagenlösung günstig ist, die technischen Möglichkeiten zu verschweigen (Schweigen der Oberingenieure!), ist diese Haltung bei Zertifikaten für das Unternehmen schädlich. Es besteht ein Anreiz, in Umwelttechnologien zu investieren, um Zertifikatskosten zu sparen.

Übrigens können solche Eigentumsrechte in unterschiedlicher Weise definiert werden. Die Nutzung kann als ein Medium zur Aufnahme von Verschmutzungen verstanden werden. Dann wird eine bestimmte Menge an Emissionsrechten gekauft, eine bestimmte Menge Schadstoffe kann an die Natur z.B. in die Luft oder ins Wasser abgeleitet werden. Aber auch eine bestimme Menge von Ver-packungsmaterial usw. können Inhalt von solchen Zertifikaten sein. In fast allen Bereichen ist es möglich, über eine Zertifizierung Eigentumsrechte an der Nutzung der Umwelt einzuführen.

  1. Umweltethik

Anfänglich wurde darauf hingewiesen, dass nicht nur das Informations- und das Anreizproblem behandelt werden müssen, sondern auch die Ideologie und die Werteordnung der Handelnden. dass die Werte durch Informationen und Aufklärung beeinflussbar sind, zeigt der Einfluß der Bewegung der Grünen. Vor einiger Zeit kam eines meiner Kinder aus dem Kindergarten und sagte mir: „Papa kauf keine Bananen, die armen Bananenbauern werden durch die großen Konzerne ausgebeutet“. Die Kinder sind schon im Kindergarten ideologisch beeinflusst worden - da undifferenziert informiert. Und diese Beeinflussung wird auch auf die Entscheidungen des einzelnen Einfluss haben. Ein Christ wird andere Wertmaßstäbe übernehmen, wird sich als Haushalter verstehen und weiß, dass er für sein Verhalten Rechenschaft abzugeben hat. Diese Rechenschaft beinhaltet auch eine Verantwortung für seine umweltrelevanten Entscheidungen.

Von daher ist es notwendig, dass in einer Gesellschaft ethische Werte wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Die Rahmenbedingungen sind in einer Gesellschaft, insbesondere in einer Demokratie, nicht so gestaltbar, dass die Anreize optimal vorliegen. Jeder einzelne kann, wenn er nur eine individuelle Nutzenmaximierung anstrebt, Rahmenbedingungen zu seinem Nutzen und zum Schaden des Nächsten nutzen. Eine hohe Individualethik verhindert ein Ausnutzen schwacher Rahmenbedingungen bis zum letzten Pfennig. Demzufolge sind Schulen und die Kirche, Institutionen, die eine Vermittlung von Werten in unserer Gesellschaft übertragen bekommen haben, aufgefordert, die Bedeutung der Erhaltung der Umwelt stärker zu betonen. Dies sollte nicht nur in Form von Appellen und der Suche von Schuldigen, die das Umweltproblem verursachen, geschehen, sondern auch durch Aufklärung von Ursachen. Umweltprobleme entstehen nicht nur durch Verstädterung und Wirtschaftswachstum. Die wirklichen Ursachen müssen herausgefiltert werden. Hier hat auch die Volkswirtschaftslehre einen Beitrag zu leisten. Erkenntnisse sind dann an andere weiterzugeben. Im Neuen Testament, im Jakobus-Brief 4,17 heißt es: Wer weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ist Sünde. Demzufolge muss der, der weiß, wie das Umweltproblem zu lösen ist, diese Informationen auch an die Gesellschaft weitergeben.

Anfänglich hatte ich schon darauf hingewiesen, dass ein Christ Vorbildfunktion ausüben sollte. Von daher gesehen ist jeder einzelne Christ aufgefordert, eine hohe Umweltethik im privaten Lebensstil durchzusetzen, was nicht bedeutet, dass er nicht mehr Auto fahren darf, kein Fleisch essen darf, frieren muss, weil er keine Energie nutzen möchte usw. Die Natur ist uns von Gott zur Nutzung übergeben worden. Die Nutzung muss in Verantwortung geschehen. Verantworten muss sich der Christ gegenüber Gott und seinem Nächsten. Den Schaden, den er seinem Nächsten zufügt, läßt sich mit Hilfe des Preissystems feststellen. Von daher gesehen ist auf die richtige Anreizwirkung von Umweltzertifikaten hinzuweisen.

In der marktlichen Lösung lässt sich das Informations- und Anreizproblem der Umweltnutzung sozialethisch angehen. Im Gehorsam vor Gott muss auch individualethisch, bei den einzelnen Zügen der Umweltnutzung also, langfristig gehandelt werden.

Literaturhinweise

Donald A. Hay: Economics Today. A Christian Critique, Leicester 1989.

Dieter Cansier: Nachhaltige Umweltnutzung als neues Leitbild der Umweltpolitik, in: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Bd. 40, 1995.

Eban Goodstein: The Economic Roots of Environmental Decline: Property Rights or Path Dependence?, Journal of Economic Issues 29:4 (Dezember 1995).

Andreas Knorr: Die Entwicklung der Umweltpolitik aus ordnungspolitischer Sicht, ORDO 48, 1997.

Ann Jo Kwong: Environmentalism: Ethics, Religion and Stewardship, Journal des Economistes et des Etudes Humaines 7:2/3 (Juni/September 1996).

Judith M. Dean: Are We Turning Poor Countries Into Polution Havens?: Understanding the Trade / Environment Debate, in: Bulletin, Association of Christian Economists, No. 30, Herbst 1997.

Peter J. Hill: Biblical principles opplied to a natural ressources/environment policy; in: Richard C. Chewning (Hg.): Biblical principles and public policy. The practice (Band 4 von The Christian on the market place), Colorado Springs, 1991, S. 169-182.

Werner Lachmann

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