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Wirtschaftsethische Perspektiven V. Methodische Ansätze, Probleme der Steuer- und Verteilungsgerechtigkeit, Ordnungsfragen

Gaertner, Wulf (HG): Berlin 2000 (Duncker & Humblot) S. 231, ISDN: 3-428-10160-X

Neun Vorträge aus zwei Sitzungen des Ausschusses „Wirtschaftswissenschaften und Ethik“ des Vereins für Socialpolitik werden in diesem Band der Öffentlichkeit vorgestellt.

Knapp die Hälfte der Beiträge betrifft Methodenfragen, der Rest ist mehr wirtschaftspolitisch motiviert und behandelt Fragen der Arbeitsmarktordnung, Steuergerechtigkeit und des Familienlastenausgleichs bzw. Generationenvertrages.

Eröffnet wird der Band mit einem Beitrag zur ökonomischen Theorie der Moral von Ingo Pies (Münster), der auf die Bedeutung der Anreizanalyse für die moderne Ethik setzt. Vormoderne Gesellschaften waren werteintegriert; moderne Gesellschaften sind primär regelintegriert. Statt Tugenden zu fordern, kommt es heute auf die Institutionalisierung von Anreizen an. In Anlehnung an den Unterschied zwischen Verantwortungsethik und Motivationsethik zeigt er die Bedeutung der Entkopplung von Handlungsergebnissen und Handlungsmotiven. Moralische Missstände lassen sich durch institutionelle Reformen leichter abstellen als über moralische Kritik, die nur auf die personale Ebene zielt. In Anlehnung an Homann muss die Wirtschaftsethik die Frage nach der moralischen Qualität des Marktes beantworten. So zeigt Pies die wechselseitige vorteilhafte Kooperation in den vertikalen Beziehungen des Marktes auf und weist gleichzeitig auf die kollektive Selbstschädigung der im Wettbewerb Beteiligten in ihren horizontalen Beziehungen hin. Auf dem Markt gibt es also eine „Simultanpräsenz von Kooperation und Konkurrenz“ (S. 20).

Peter Weise (Kassel) zeigt, wie sich evolutionär durch die Interaktion von Menschen Normen und Verhaltensregelmäßigkeiten ergeben, wobei Normen Handlungen koordinieren, wobei es jedoch Sanktionen bedarf, um menschliche Interaktionen selbstorganisatorisch zu bilden. Sanktionen und Preise belegen Handlungen mit Kosten, wobei Sanktionen einen Abschreckungseffekt haben und Preise mehr auf den Entschädigungseffekt abzielen. Mit Hilfe einer mathematischen Analyse belegt er seine These.

Die Ordnung des Arbeitsmarktes problematisiert Joachim Wiemeyer (Bochum) aus wirtschaftsethischer Sicht. Die in der ökonomischen Diskussion gängigen Argumente zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die insbesondere durch Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes erreicht werden soll, wie z. B. die Abkehr vom Flächentarifvertrag oder der Übergang zu mehr betriebsbezogenen Lohnabschlüssen und stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten, verstärkter Lohnspreizung usw. entspricht nicht dem Problembewusstsein und dem Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerungsmehrheit. Der Beitrag versucht die Diskrepanz zwischen dem dominierenden ökonomischen Ansatz und den gesellschaftlichen Gerechtigkeitsvorstellungen zu erklären, wobei die wirtschaftsethischen Überlegungen vertragstheoretisch entfaltet werden. Die Diskrepanz kann an mangelnder ökonomischer Aufklärung liegen, von normativen Inkonsistenzen bestimmt sein oder durch vormoderne Denkmuster, d. h. die Gerechtigkeitsvorstellungen der Bürger sind von Besitzstandsgerechtigkeit geprägt und werden dem Prozess der schöpferischen Zerstörung dynamischer Wirtschaften nicht gerecht. Obgleich teilweise etwas plakativ gehalten, werden wesentliche Aspekte der gegenwärtigen Diskussion wirtschaftsethisch hinterfragt. Es findet ein Rundumschlag statt, der jedoch auch einen guten Überblick über die gegenwärtige Diskussion liefert.

Volker Arnold (Hagen) beschäftigt sich mit Steuergerechtigkeit und internationalem Steuerwettbewerb und Direktinvestitionen. Obgleich die Gleichverteilung von Steuerlasten, die sich durch die Bereitstellung öffentlicher Güter ergeben, politökonomisch die Norm sein sollten, führt internationaler Steuerwettbewerb aus Effizienzerwägungen dazu, Arbeits- und Kapitaleinkommen unterschiedlich zu besteuern. Modelltheoretisch werden einige Abstimmungsverhalten analysiert, die soziale Dilemmas zwischen optimaler Allokation und der Finanzierung öffentlicher Güter (Problem Trittbrettfahrer) erläutert. Obgleich einheitliche Steuersätze auf alle Steuerarten erwünscht sind, führt der internationale Wettbewerb zu unterschiedlicher Besteuerung, so dass Arnold zugespitzt formuliert: Gerecht ist, was Arbeitsplätze schafft.

Udo Ebert (Oldenburg) beschäftigt sich mit den Prinzipien der Haushaltsbesteuerung. Leitbild seiner Untersuchung bildet die Idee der lorenz-gerechten Besteuerung, die fordert, dass durch die Einkommensbesteuerung die Ungleichheit der Bruttoeinkommen verringert wird. Intensiv geht er auf die unterschiedlichen Formen der Familienbesteuerung ein. Bedingungen für konsistente Steuersysteme werden abgeleitet. Zum Schluss stellt Ebert fest, dass das deutsche Steuersystem nicht für alle lorenz-gerecht ist, da sich durch die Einkommenssteuer die Ungleichheit der Haushalte vergrößern mag.

Hans-Peter Weikard (Potsdam) beschäftigt sich mit der Gerechtigkeit des Generationenvertrages. So stellt er sich die Frage, ob in einer umlagefinanzierten Rentenversicherung Kindererziehung einen Einfluss auf den Beitrag zur Rentenversicherung oder einen Einfluss auf den Rentenanspruch haben soll, wobei der Autor ein normatives Modell überlappender Generationen entwickelt. Die bekannten Argumente werden gekonnt dargestellt und zurecht darauf hingewiesen, dass ein Generationenvertrag nur gesichert werden kann, wenn es eine Pflicht zur Hervorbringung der nächsten Generation geben sollte. Er zeigt die Schwierigkeiten auf, dass die Einhaltung des Vertrages nicht garantiert werden kann, wodurch die umlagenfinanzierte Rentenversicherung problematisch wird.

Wolfgang Schmitz (Wien) verwendet die Gerechtigkeitstheorien der neuen Institutionenökonomik in einer Untersuchung des Familienlastenausgleichs in Österreich. Er kritisiert die fehlende Systemlogik und arbeitet zahlreiche Ungereimtheiten des österreichischen Familienlastenausgleichs heraus, wobei er sich intensiv mit dem Gesetzestext auseinandersetzt.

Interessant sind die Ausführungen von Ulrich Gähde zur Funktion ethischer Gedankenexperimente. Ausgehend vom Gedankenexperiment Galileis zur Widerlegung der aristotelischen Kinematik zeigt er Unterschiede und Parallelen zu den naturwissenschaftlichen Gedankenexperimenten auf. Die Eigenschaften von Gedankenexperimenten, die im Ausweis von Paradoxien oder durch eine Reinterpretation und Restrukturierung bereits verfügbarer Informationen liegen, werden kenntnisreich dargestellt, wobei er auch die Rolle der Kontrafaktizität von Gedankenexperimenten analysiert. Die erfahrungswissenschaftlichen Gedankenexperimente sind also auch für die ethische Diskussion grundlegend.

Den Abschluss bildet Wulf Gaertners (Osnabrück) Beitrag über eine empirische Untersuchung Osnabrücker Studenten zur Verteilungsgerechtigkeit, in dem er feststellt, dass sich die Studenten in einem hohen Maße im Sinne der Rawlschen „Theorie der Gerechtigkeit“ verhalten.

Dieser Band des Ausschusses „Wirtschaftswissenschaften und Ethik“ gibt einen Überblick über einige relevante Aspekte der Wirtschaftsethik und zeigt ihre enorme Weiterentwicklung in den letzten Jahren auf. Der Band besticht durch eine gute Mischung formaler Darstellung mit gleichzeitig wirtschaftspolitischer Anwendung. Die Beiträge sind im Schnitt gut formuliert; Literaturhinweise helfen dem Leser, sich über einige Fragen tiefer zu informieren. Zu kritisieren wäre die Heterogenität der Beiträge. Themenorientierte Bände würden vielleicht eine höhere Nachfrage bringen. Alle, die sich mit den dort angeschnittenen Fragen beschäftigen, erhalten gut fundierte Übersichten. Hervorzuheben ist, dass exzentrische und zu formale oder an gesellschaftlichen Problemstellungen vorbeigehende Beiträge nicht enthalten sind, so dass auch der interessierte Laie die Argumentation in dieser Publikation verfolgen kann.

Prof. Dr. Werner Lachmann, Ph.D.; Universität Erlangen-Nürnberg

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Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik

Society for the promotion of economics and ethics