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Wirtschaftsethische Perspektiven VI. Korruption, Strafe und Vertrauen, Verteilungs- und Steuergerechtigkeit, Umweltethik, Ordnungsfragen

Arnold, Volker (Hrsg.), Berlin 2002 (Duncker & Humblot), 356 S. (ISBN: 3-428-10927-9)

Dieses interessante Buch, das wie der Untertitel andeutet, ein weites Gebiet abdeckt, enthält Beiträge von zwei Sitzungen des Ausschusses „Wirtschaftswissenschaften und Ethik” des Vereins für Socialpolitik, der im deutschsprachigen Raum wichtige Impulse in wirtschaftsethischen Fragestellungen gibt. Er enthält fünf Aufsätze aus dem Bereich Korruption, Bestechung, Bestrafung und Vertrauen, zwei Beiträge, die sich mit Steuer- und Verteilungsgerechtigkeit beschäftigen, drei Beiträge zur Umweltethik sowie drei weitere Einzelbeiträge. Bei letzteren geht es um ein identitätsorientiertes Marketing für die katholische Kirche, eine Analyse der Wurzeln des Besitzindividualismus aus der Spätscholastik sowie dem Verhältnis von Individualethik und Institutionenethik.

Pies unterscheidet in seiner Analyse der Korruption zwischen Ent- und Belastungskorruption. Bei der Belastungskorruption enteignen korrupte Bürokratien Konsumenten und Produzenten, bei der Entlastungskorruption verständigen sich korrupte Bürokraten und Private und bereichern sich zu Lasten der Allgemeinheit. Belastungskorruption muss daher von der Angebotsseite und Entlastungskorruption von der Nachfrageseite bekämpft werden. Kruip zeigt die negativen Auswirkungen der Korruption für die wirtschaftliche Entwicklung Boliviens. Wieland untersucht die Frage, ob die Selbstbindung von Unternehmen ausreicht um die Korruption bei internationalen Transaktionen zu reduzieren. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der Einbau effizienter Anreize in der Governance-Struktur notwendig sei, da die Selbstbindung nicht ein Problem des Agenten, sondern ein Problem des Prinzipals sei. Weikard untersucht das Problem der optimalen Strafe, wobei er vom Beckerschen Ansatz der rationalen Entscheidung des Individuums ausgeht. Kritisiert wird, dass es sich hierbei um ein reines Maximierungsproblem des Täters handelt. Diese Sicht wird als zu kurz angesehen da hierbei die Durchsetzung anderer Werte und Rechte unberücksichtigt bleibt. Der Beckersche Ansatz muss daher modifiziert werden um die Bedeutung dieser individuellen Rechte einzuarbeiten. Grabner-Kräuter untersucht ausführlich die Rolle des Vertrauens im elektronischen Handel.

Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Einkommensverteilung und Steuergerechtigkeit. Die Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland während der letzten 35 Jahre wird aus Sicht der christlichen Sozialethik bewertet (Wiemeyer). Der Beitrag ist sehr weit angelegt und greift viele aktuelle Problempunkte auf. Hackmann beschäftigt sich mit dem Ehegatten- bzw. Partnerschaftssplitting. Er weist nach, dass es in der heutigen gesellschaftlichen Situation keinen Grund gibt, den Splittingvorteil Partnerschaften nicht ebenso zu gewähren wie Ehegatten. Dabei wird nicht juristisch argumentiert, da nach dem Grundgesetz die Ehe (nicht die Lebensgemeinschaft!) unter dem Schutz des Staates steht. Eine Gleichbehandlung von Ehegatten und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird von ihm ökonomisch abgeleitet. Jedoch kritisiert er verständlicherweise, dass der Steuervorteil für sexuelle Partnerschaften ökonomisch nicht begründet werden kann. Ebenso könnten zwei Brüder, die zusammenleben oder eine Tochter, die mit ihrer Mutter zusammenlebt usw. die gleichen Argumente vortragen und somit ebenfalls ein Splitting einfordern. Hackmann zeigt, dass die Veränderung der Rollen der Ehepartner heute generell nicht mehr aus ökonomischen Gründen ein Splitting rechtfertigen würde. Die Entkopplung der modernen Ehe von der Kinderaufzucht wird ursächlich von ihm für die neue Sicht verantwortlich gemacht. Vor 30 Jahren war eine Ehe mit „Kinder haben“ verbunden, so dass die Eheleute einen gesellschaftlichen Beitrag zum Erhalt der Gesellschaft leisteten und demzufolge ein Splitting gerechtfertigt wäre. Moderne Verhütungsmittel haben diesen Zusammenhang aufgelöst, so dass Kinder im Bezug von Ehen für die gesellschaftliche Sicherung nicht mehr unterstellt werden können. Er vermutet, dass das Eigeninteresse der Steuerexperten am Ehegattensplitting für die Beibehaltung verantwortlich ist.

Drei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Umweltethik. Mit der Naturbewertung in ökonomischer und ethischer Perspektive beschäftigt sich Lerch, der sich gemeinsam mit Nutzinger in einem weiteren Beitrag zur Nachhaltigkeit in wirtschaftsethischer Perspektive auslässt. Sie analysieren kritisch den Begriff der Nachhaltigkeit, gehen auf verschiedene Intensitätsstufen der Nachhaltigkeit ein (schwache versus starke Nachhaltigkeit) und plädieren für eine kritische Nachhaltigkeit, wobei die Ökonomik bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung eine wichtige Rolle spielt. Die Umweltethik spricht sich für Umweltmaßnahmen aus, die ökonomische Betrachtungsweise kann zu einer effizienten Zielerreichung, weniger zur Zielfindung, beitragen. Kirchgässner untersucht die Bedeutung moralischen Handels für die Umweltethik und analysiert insbesondere vier Idealtypen: den moralischen Durchschnittsmenschen, den Helden, den Idealisten und den Fanatiker und untersucht ihre Handlungsmaximen. Über Wählerverhalten, Konsumentenverhalten sowie Produzentenverhalten können sich die unterschiedlichen Individuen umweltethisch verhalten. Es werden die unterschiedlichen Anreiznormen analysiert, wobei Schweizer Erfahrungen geschickt eingebaut werden. Die Gefahr der Verdrängung umweltmoralischer Motivation durch extrinsische Anreize (Einsatz marktlicher Umweltinstrumente) wird gezeigt.

Die schwierige Lage der Kirchen untersucht Schramm. Er bewundert die Leistung der katholischen Kirche, in kurzer Zeit ein Religionsmonopol aufgebaut und über Jahrhunderte hinweg gehalten zu haben und weist auf den fortschreitenden Prozess der Entkirchlichung hin, dem mit einem „identitätsorientiertem Marketing“ begegnet werden muss. Er unterstreicht die Bedeutung der Kirche, die beispielsweise mehr Arbeitnehmer beschäftigt als Siemens und Daimler zusammen. Die Kirche müsse überlegen, wie sie ihr Markenprodukt an den Mann bringen könne und schlägt hierfür ein identitätsorientiertes Marketing vor. Hier wäre zu kritisieren, dass der Erfolg der Kirche in den ersten Jahrhunderten nicht analysiert worden ist. Der Erfolg lag nicht in einem Marketing und besserem Abstimmen der Produkte auf die Bedürfnisse der Bevölkerung. Den größten Erfolg hatte die Kirche in der Zeit der römischen Verfolgung, wie auch durch die marxistische Verfolgung in China das Christentum eher ausgebreitet wurde und der durch das Christentum bewirkte Wohlstand die Fundamente des Christentums gefährdet hat.

Schüssler schreibt einen interessanten Beitrag zur historischen Entwicklung des Besitzindividualismus und zeigt, dass dieser Begriff schon Wurzeln in der Spätscholastik hat. Insbesondere untersucht er dabei das (juristische) Prinzip des Besitzrechts „im Zweifel ist die Position des Besitzers besser“. Im späten 15. Jahrhundert entwickelt sich dieser Begriff dann zu einem allgemeinen Freiheitsbegriff.

Weise beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Individual- und Institutionenethik. In einer äußerst interessanten Darstellung weist er nach, dass die Institutionenethik der Individualethik bedürfe. Unter Beachtung von Abwanderungskosten analysiert er, dass der homo oeconomicus (vollständig funktionierender Markt) keine Individualethik benötige. Auch durch Normen wird Individualethik unnötig. Die Realität liege zwischen Normen und Markt, so dass überall dort, wo Menschen Entscheidungsspielräume haben, Moral notwendig sei. Individualethik ist in solchen Situationen notwendig, in denen positive aber nicht zu hohe Abwanderungskosten vorliegen. Werden Handlungen der Menschen über Märkte (niedrige Abwanderungskosten) koordiniert, ist Moral nicht notwendig; sind die Abwanderungskosten hoch (Normen) wird sie ebenfalls nicht benötigt. Individualethik und Institutionenethik können komplementär oder substituiv zueinander sein. Einige Beispiele werden gegeben und es wird gezeigt, dass eine Überbetonung der Institutionenethik den Nachteil hat, dass sie die vorhandene Individualethik aushöhlt und in der Folge ansteigende Kontroll- und Transaktionskosten verursacht werden. Optimal sei ein Mixtum aus Individualethik und Institutionenethik.

Summa summarum: Es handelt sich um einen interessanten Band. Er zeigt, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen zum Verständnis wirtschaftsethischer Probleme beiträgt. Alle Beiträge haben ausgesprochen hohes Niveau. Allen an wirtschaftsethischen Fragen Interessierten ist dieser Band zu empfehlen, da die meisten Beiträge auch für Laien verständlich formuliert sind.

Prof. Dr. Werner Lachmann, Ph.D.; Universität Erlangen-Nürnberg

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Society for the promotion of economics and ethics